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Das Puzzlestück

„Ich gebe zu, ich hab schon ziemlichen Respekt davor“, gestand sie. „Wir beide leben schon länger alleine, wir haben uns an unser Leben gewöhnt und wer weiß schon, ob der eine bei dem anderen auch wirklich Platz findet? Ich meine.. Es geht ja schon damit los, dass ich gar nicht weiß, wo du deine Sachen einräumen sollst?“ Sie unterbrach sich, lachte und wartete auf seine Reaktion. Eine Reaktion, die trotz ihres Lachens den Zweifel erkannte und erstickte.
Richard streichelte den Hund, trank einen Schluck Kaffee und lehnte sich entspannt zurück.
„Du denkst zuviel.“
„Hm. Stimmt.“
„Übrigens, ich schnarche manchmal.“
„Ernsthaft jetzt? Dann musst du auf dem Sofa schlafen.“
„Das glaube ich dir sofort, du herzlose Prinzessin auf der Erbse.“
„Ich brauche meinen Schlaf! Sonst bin ich morgens nicht genießbar! Und bitte auch nicht erwarten, dass ich großartige Konversation führe. Morgens nicht! Da will ich meine Ruhe. Und meinen Kaffee.“
Seine Hand ruhte noch immer auf dem Kopf des Hundes, während er sie unverwandt anschaute.
„Bleib cool, Pippa. Ich will nicht bei dir einziehen. Nur ab und zu bei dir wohnen.“
Sie lächelte erleichtert. Für den Anfang war das eine gute Menge an Miteinander und immer noch Freiraum. Eine gute Mischung, um auszutesten, wie viel Miteinander sie ertragen wollten.

„Vielleicht ist es ja auch nur der Sex?“ fragte Victoria, während sie durch die Stadt liefen, das Kind im Wagen, die Nase versteckt im dicken Schal, eingemummelt im Mantel.
„Was heißt ’nur‘? Unterschätze es nicht“, neckte Pippa.
„Ich würd sagen.. Überschätze es nicht.“
„Ach weißt du.. Irgendjemand hat mal gesagt, dass man ruhig eine Zeitlang Frösche küssen und eine schöne Zeit mit ihnen haben darf, bevor der Prinz kommt.“
„Aaaah! Das kommt mir auch bekannt vor! Aber sag mal, ist Richard denn ein Frosch?“
Pippa lächelte breit.
„Und wenn, dann ein richtig guter.“

Sie betrachtete ihn, wie er da durch die Tür kam, eine Tasche in der Hand, größer als die, die er für  gewöhnlich mitbrachte.
„Wo ist Günter?“
„Bei meinen Eltern.“
„Wieso das?“
„Ich wollte dich nicht gleich überfordern. Reicht doch, wenn ich erst mal da bin.“
„So viel Feingefühl hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
„Du bist ganz schön frech.“
„Gewöhn dich dran.“
„Von mir aus. Wenn ich dich dafür übers Knie legen darf?“
In ihren Augen funkelte es begehrlich.
„Ich hoffe, du vergisst das nicht.“

In der Nacht, als er längst schlief, erwachte sie. Sie drehte den Wecker zu sich, es war kurz nach halb drei. Also streckte sie sich wohlig aus in ihrem Bett und rückte näher an ihn heran. Schon öfter hatte er hier übernachtet und dennoch erschien es ihr, als hätten sie eine weitere Ebene betreten. Irgendetwas war anders geworden.
Sie legte sich zurück und dachte an die vergangenen Wochen.
Sie dachte daran, wie groß der Respekt vor diesem Schritt gewesen war – und wie wenig sich ihre Befürchtungen bewahrheitet hatten. Sie dachte daran, wie harmonisch das Miteinander war. Dass er morgens einfach den Kaffee an ihr Bett stellte, während er im Badezimmer verschwand. Dass er sie an den freien Tagen nicht nötigte aufzustehen, dafür aber gerne ewig lang mit dem Hund unterwegs war. Dass er sich in ihr Leben einpasste wie ein lange gesuchtes Puzzlestück.
„Vielleicht ist er es ja doch“, dachte sie, während sie die Kaffeetasse in beiden Händen hielt und ihm vom Fenster aus nachsah, wie er mit dem Hund durch den Schnee lief.
Was kommen würde, darüber sprachen sie nicht. Im Grunde nie. Auch darüber, was sie in Zukunft wollten, sprachen sie nicht. Sie ließen sich treiben und genossen es, dass sie einander weder störten noch anstießen.
„Und das findest du gut?“ fragte Victoria. „Also wenn du mich fragst, ich würde mir ja eher Gedanken darüber machen. Sich nicht zu stören kann ja auch bedeuten, dass beide nur an der Oberfläche kreiseln.“
„Meine Güte, hast du deine philosophische Ader entdeckt?“ reagierte Pippa genervt. „Kannst du dich nicht einfach für mich freuen?“
„Das tue ich doch“, antwortete Victoria. „Wenn er der richtige ist, dann freue ich mich für dich.“
„Na und wenn er es nicht ist, dann ist es irgendwann eben ein anderer.“
„So einfach ist das?“ reagierte Victoria erstaunt. „Ist er so einfach austauschbar? Dann solltest du wirklich genauer drüber nachdenken, sonst wird er mir leidtun, nicht du.“
In den Nächten, in denen sie erwachte und ihn neben sich wahrnahm, seinem ruhigen Atmen lauschte, da dachte sie: Nein.. nein.. so einfach wäre es nicht.

Ein neues Leben

Weil sie darauf bestand, besuchte er weiterhin die Paartherapie. Zugleich verlegte er sich darauf, nur noch die Dinge preiszugeben, über die er auch sprechen mochte. In die Bemühungen, eine Wohnung für sich zu finden, ließ er sich nicht hineinreden und thematisierte sie entsprechend auch nicht. Susanns Bemühungen, hier einzugreifen, unterband er, indem er einfach beschloss, nicht darauf zu reagieren, nicht innerhalb und nicht außerhalb der gemeinsamen Sitzungen.
Unabhängig von ihren Wünschen priorisierte er das, von dem er den Eindruck hatte, dass er proaktiv Dinge vorantreiben konnte.
Im Job funktionieren zu müssen, den Kopf freizuhaben, dafür brauchte er einen klaren Weg oder wenigstens eine Struktur. Inzwischen war er an dem Punkt angekommen, das Überleben der Ehe nicht mehr an die erste Stelle zu rücken. Ja nicht einmal mehr zu wissen, ob er dies überhaupt noch forcieren wollen würde. Mit jedem Tag, mit jeder Woche und jedem neuen Monat wurde klarer, dass er längst begonnen hatte, sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden, einzurichten – und sich darin wohlzufühlen.
Ja, der Wunsch nach der intakten Familie war immer noch da, gleichwohl registrierte er die Tage, an denen er darüber nachdachte, ob er sich wirklich Zeit seines Lebens das Miteinander mit Susann vorstellen konnte. Er begriff, dass das Bindeglied zwischen ihnen insbesondere der Sohn war – und nicht die Liebe zueinander. Er begriff mit jeder Therapiestunde mehr, dass es nicht Susanns Studium war, das beide entfremdete. Sondern sich mit dem Studium und der hierin entstandenen Entfremdung offenbarte, wie wenig sie einander tatsächlich zu geben hatten.
Sie tat ihm leid. Sie tat ihm umso mehr leid, je mehr er registrierte, wie groß der Betrug an ihr tatsächlich war. Es war nicht das Fremdgehen. Es war die Tatsache, dass er um etwas kämpfte, an das er selbst nicht mehr glaubte. Von dem er mehr und mehr verstand, dass er es nicht mehr wollte.
Die Vorstellung, wieder mit Susann und dem Sohn zusammen zu leben, so wie es vor dem Bruch gewesen war, arbeiten, schlafen, essen, ein-, zweimal im Jahr zu verreisen, das war ihm nicht genug.
Ihm war nur nicht klar, wie er es stattdessen haben wollte.
Ihm war nur klar, dass es nicht mehr so wie zuvor sein sollte.
Er begann, das Fahrrad zu entstauben und wieder in Gang zu setzen.
Er begann, seine Leidenschaft für das Bergsteigen zu entdecken.
Er begann, abends auszugehen, Frauen kennenzulernen, die er vergessen hatte, kaum dass sie aus dem Blickwinkel verschwunden waren.
Er begann, Wochenendtouren herauszusuchen, Orte herauszusuchen, die er noch nicht entdeckt, aber schon immer hatte sehen wollen.
Er begann sich für Fotografie zu interessieren, besuchte Ausstellungen, belas sich über verschiedene Technik und Techniken, wählte lange und sorgsam aus und nutzte die Wochenenden für alle möglichen Aufnahmen.
In den Zeiten dazwischen war er weiterhin Vater, kümmerte sich um den Jungen, wenn Susann in der Bibliothek saß oder mit Studenten abends ausging. Er gestand ihr zu, was er sich selbst gönnte.
Er kämpfte nur nicht mehr – und er fragte auch nicht mehr danach, was Susann eigentlich wollte.

Entscheidungen

„Er fasziniert mich“, sagte Pippa, während sie Geschirr in der Küche zusammenräumte und Platz für den Kuchen schaffte, den Victoria mitgebracht hatte und den der Kleine mit den besitzergreifenden Patschhänden okkupierte.
„Und deswegen zieht ihr jetzt gleich zusammen?“ fragte Victoria, während sie ihren Sohn daran hinderte, den ganzen Kuchen hoffnungslos zu zermatschen.
„Wir ziehen nicht zusammen.“
„Wie nennst du es dann, wenn er seine Sachen und seine Zahnbürste herbringt? Und seinen Hund? Na eben, überhaupt, der Hund! Du wolltest doch nie Tiere in der Wohnung haben. Jetzt einen Mann mit Hund?“
„Nochmal, Vic: Sie ziehen hier nicht ein. Es ist nur.. Wir wollen.. Weißt du, wir arbeiten beide sehr viel und sehen uns wenig. Irgendwie zu wenig. Das wurde uns beiden klar, als er das letzte Mal hier war.“
Pippa stellte Tassen auf den Tisch, setzte sich und schaute versonnen vor sich hin. Dann lächelte sie ihre Schwester an. „Es war schön mit ihm. Es war wirklich richtig schön. So leicht. Und so einfach. Es gab einfach keine Probleme. Nur eben das Problem, dass wir uns fast entfremden, wenn wir uns so wenig sehen.“
„Hm. Kündigt er denn jetzt seinen Job?“
„Ach oh Gott, nein! Sooo eng sind wir ja dann doch noch nicht. Aber er arbeitet eh oft von zu Hause aus. Und das.. kann er ja dann auch von hier aus.“
„Und du glaubst, dass das gut geht? Ich meine, der Hund!“
Sie lachen beide, auch wenn Pippa schon mit ein wenig Bauchschmerzen daran dachte, dass demnächst auch ein Tier in dieser Wohnung leben würde. Also zumindest halbwegs, denn nein, ein Zusammenziehen sollte das hier nicht werden. Nicht wirklich. Sie wollten einfach nur etwas mehr Zeit miteinander haben. Sie wollte wissen, wie es sich anfühlte, wenn sie abends heimkam und dann war da jemand. Sie wollte wissen, wie das sein würde, wenn nachts neben ihr jemand lag, und das nicht nur an so wenigen Nächten im Monat.
Sie wollte einfach wissen, ob sie sich Richard vorstellen konnte, in ihrem Leben und im Alltag.
Sie dachte an die letzten Tage mit ihm, sie dachte an die letzten Nächte mit ihm. Sie dachte daran, wie wohl sie sich mit ihm fühlte und wie richtig sich alles anfühlte.
„Ich finde es irgendwie albern, wenn man etwas nicht tut, nur weil andere sagen: Das darfst du jetzt noch nicht. Mir ist es egal, ob man sich beim ersten Date küsst oder gleich vögelt. Mir ist es egal, ob man nach zwei Wochen heiratet oder wenigstens zusammenzieht. Wenn es sich richtig anfühlt, dann sollte man das tun, wonach einem ist. Niemand anderes bestimmt die Spielregeln außer man selbst.“
Es klang beinah trotzig, wie sie es sagte, so als müsse sie etwas verteidigen, das es nicht zu verteidigen gab.
„Ich greife dich nicht an“, reagierte Victoria prompt. „Ich wundere mich nur. Erst lebst du jahrelang allein, verlierst gleich nach dem ersten Date das Interesse. Und jetzt zieht ein Mann bei dir ein, den du kaum kennst. Und dann bringt er auch noch nen Hund mit! Alles, was nicht zu dir passt oder von dem du zumindest immer sagtest, dass du das so nicht willst.“
„Stimmt“, lächelte Pippa. „Aber wer weiß, vielleicht ist es ja deshalb auch genau das Richtige? Weil ich etwas tue, das eigentlich gar nicht zu mir passt?“
„Ja vielleicht.“ Victoria fütterte den Kleinen mit Kuchen. „Ich bin übrigens schwanger.“
Pippa beugte sich überrascht über den Tisch. „Du bist was?? Und das sagst du mir mal so nebenbei??“
„Na jaaa… Bei dir passiert grad so viel und ich dachte, vielleicht ist das ja gar nicht so wichtig.“
„Du spinnst wohl!“ Pippa sprang auf und umarmte ihre Schwester.
„Was sagt denn dein Göttergatte?“
„Das willst du gar nicht wissen.“
„Wieso?“
Victoria lächelte ein wenig. „Er hat gefragt, wie das jetzt passieren konnte.“
„Äh.. Hä? Wieso das denn?“
„Na ja, es war nicht geplant. Oder besser gesagt: Es war JETZT noch nicht geplant. Wir wollten ja eigentlich noch warten und gucken, ob..“
„Ob was?“
Victoria antwortete nicht sofort und Pippa wurde mit einem Mal bewusst, dass sie sich in den letzten Wochen so sehr um sich selbst gekümmert hatte, dass sie nicht einmal auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, ihre Schwester könnte mit ihrem Leben nicht ganz so zufrieden sein wie es nach außen den Anschein hatte.
„Ach weißt du.. Wir sind so lange zusammen.. Wir kennen uns praktisch seit der Schulzeit. Haben nie wirklich großartig was anderes ausprobiert oder kennengelernt. Wir kennen eigentlich.. nur uns.“
Pippa wartete und sagte nichts.
„Wir haben uns gefragt, ob es das jetzt war. Das Haus, das Kind, die Jobs.. Ein Leben wie aus dem Bilderbuch und man müsste eigentlich so glücklich und dankbar sein.“
Pippa wartete immer noch.
„Und dann sehe ich dich“, sagte Victoria und schaute ihrer Schwester offen und direkt in die Augen. „Ich sehe dich, wie du dir dein Leben einrichtest. Wie wohl du dich eigentlich darin fühlst. Und vor allem.. wie frei du bist.“
Sie schwiegen beide.
„Ich wünschte“, fuhr Victoria irgendwann fort, „ich wünschte manchmal, ich wäre auch so frei oder hätte wenigstens mal ausprobiert, wie das ist. Ich kenne es nicht, aber ich würde es gerne kennen. Ich würde auch gern wissen, wie das ist.. mit einem anderen Mann.“
Sie schaute rasch auf ihren kleinen Sohn, dann wieder zu Pippa.
„Ich habe mich manchmal gefragt, wie es sich mit einem anderen anfühlt. Und irgendwann habe ich mich gefragt..“
„…ob dein Mann dasselbe denkt“, beendete Pippa schließlich den Satz.
„Ja. Ja schon.“
„Habt ihr mal darüber geredet?“
Beide sahen einander an und endlich begriff Pippa, was Victoria ihr die ganze Zeit sagen wollte: Die Ehe der beiden war eigentlich schon an ihrem Ende angekommen. Bis sie eines Abends den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt.
„Was wirst du jetzt tun?“ fragte Pippa schließlich. „Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Hm.. Nein.. Ich denke nicht.. Wir wollen es einfach nochmal miteinander versuchen. Wer weiß.. Wer weiß schon, warum es ausgerechnet jetzt passiert ist. Vielleicht ist das ja.. Vielleicht ist das ja hier auch das Richtige.“
Pippa lehnte sich zurück. Sie wusste, wenn es mit Richard schiefging, dann würde er in seine Wohnung zurückkehren, in sein Leben zurückkehren und den Hund wieder mitnehmen. Das alles wäre vielleicht schmerzlich, aber sie würde es überleben. Problemlos.
Das Leben ihrer Schwester hingegen.. war weitaus komplizierter. Weil sie nicht für sich allein entscheiden konnte. Was immer sie auch zu entscheiden gedachte.

We were Strangers

Als sie sich wiedersahen, fühlte sie anfangs die Fremde, die sich zwischen sie beide gelegt hatte. Unsicher gingen sie miteinander um, beinah vorsichtig, Berührungen sehr zurückhaltend und zaghaft.
Sie hatte ein paar Kleinigkeiten für das Abendessen vorbereitet, gemeinsam saßen sie am Tisch, einander gegenüber, aßen, sprachen nur wenig. Irgendwann lehnte er sich zurück und schaute sie an.
„Schau nicht so“, sagte sie schließlich. „Oder hab ich irgendwas zwischen den Zähnen? Am Kinn?“
Er lächelte.
„Nein, nichts davon. Ich schau dich einfach nur gerne an. Hab dich so lange nicht gesehen.“
Sie lächelte, spielte ein wenig mit dem Besteck.
„Jetzt schau doch nicht so“, sagte sie schließlich. „Du machst mich unsicher.“
Er beugte sich vor, legte beide Arme auf den Tisch, nah an ihren Händen, jedoch er berührte sie nicht.
„Was machen wir heute noch? Gehen wir aus?“
„Worauf hättest du Lust?“
„Auf dich.“
Er sagte dies ernst und ohne ein Lächeln, aber mit jener Begehrlichkeit im Blick, die ihr schon jetzt die Bluse zu öffnen schien. Sie erwiderte diesen Blick.
Und in dem Moment, als er mit einer Armbewegung das Geschirr zur Seite schob, stand sie auf und stieg über den Tisch auf ihn zu.

„Lass uns noch ausgehen“, sagte sie irgendwann, während er ihr einzelne Haare aus dem erhitzten Gesicht strich. „Lass uns nochmal in die Bar gehen. Das Kakadu.“
„Du kannst doch gar nicht singen“, neckte er sie.
„Na und? Wen interessiert es? Grad dann macht es doch am meisten Spaß.“

Weit nach Mitternacht betraten sie die Bar und während er Getränke orderte, bahnte sie sich den Weg zur Bühne.
Er stand nicht weit weg von ihr, er betrachtete sie, er lächelte, trank seinen Cocktail. Während sie sang und dabei die Augen schloss oder den Blick auf ihn richtete.

We moved in with eachother pretty fast
sometimes we fought real bad
But he made me laugh almost every day
Oh it was hard to see him walk away..

„Du musstest ja nicht mal auf den Monitor schauen“, sprach er in ihr Ohr, während er ihr den Cocktail in die Hand drückte. „Wie oft hast du den schon gehört?“
„Jeden Abend“, lachte sie, „ich bin die, die abends in der Küche steht, sich etwas zu essen zubereitet und dabei die Musik aufdreht. Und weil das niemanden interessiert, gerne auch in der Dauerschleife. Stundenlang!“
Sie lachte, er lächelte und er dachte, wie fasziniert er in diesem Moment von dieser Lust war, die in ihren Augen lebte, in ihrem Gesicht, in ihrem ganzen Wesen.
„Ich will gar nicht weggehen, ich würd gern dableiben“, sagte er, während er einen Arm um sie legte und dabei einen Schluck aus seinem Glas nahm, die Blicke umherschweifen ließ, um ihn dann zu ihr zurückkehren und auf ihr ruhen zu lassen.
Sie lächelte. Anfangs nur ein wenig. Und dann breitete sich dieses Lächeln über ihr ganzes Gesicht aus.
„Das klingt gut, Richard. Das klingt sehr, sehr gut.“

In hundred Years

Sie sitzt am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt. Vor ihr liegt der geöffnete Brief, liegen die auseinandergefalteten Bögen Papier, eng beschrieben und mit Forderungen, die ihr für einen Moment den Atem genommen haben.
Victoria setzt sich zu ihr, stellt ihr eine Tasse Kaffee hin.
„Komm, auf den Schreck.“
„Ach na ja, Schreck…“, antwortet Pippa langsam. „Ich wusste ja, dass sie kommen. Ich wusste nur nicht.. dass sie so schnell kommen würden.“
„Na wenn sie was zu kriegen haben“, lacht Victoria auf. „Und was wirst du jetzt machen?“
Pippa schaut auf.
„Ich fand das Thema Geld immer so ätzend. So anstrengend. Ich mochte da nie drüber sprechen, ich habs gehasst, wenn wir uns deswegen stritten. Wer konnte denn auch ahnen, dass wir uns schon jetzt damit auseinandersetzen müssen? Ich dachte… dass wir noch so viel Zeit haben. Ich dachte immer, wir hätten noch hundert Jahre Zeit, mindestens.“
Sie lächelt schmerzlich und Vic legt ihre Hand auf die ihrer Schwester.
„Hättest du dann was anders gemacht?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht nicht. Oder doch? Vielleicht doch? Wir haben soviel Zeit verschenkt. Zeit, die wir für uns hätten haben können. Wir haben so viele Möglichkeiten verpasst. Wir haben so viel von uns verpasst und am Ende.. so wenig Zeit gehabt, das zu leben, was wir wollten. Ja Vic.. Ich glaube, ich hätte so einiges anders gemacht.“
Sie schaut auf das Papier vor sich.
„Ich würd so gerne… Warum kann man nicht einfach die Zeit noch mal zurückdrehen? Warum kann man nicht noch mal von vorne anfangen? Diesmal würde ich dann wissen, dass er kommt und darauf würde ich warten.“
Sie lehnt sich zurück, starrt blicklos vor sich hin.
„Stattdessen muss ich mich jetzt mit so einem Scheiß befassen.“
Sie schweigt kurz, dann schaut sie ihre Schwester an.
„Ich denke, es ist Zeit, auszuziehen. Mir zu überlegen, was ich tun muss und was ich tun kann.“
„Du willst das hier alles aufgeben?“
Pippa lächelt traurig, während ihr Blick in der Wohnung herumgeht.
„Wenn ich sie behalte, muss ich seine…“ Sie stockt. Bisher hat sie vermieden, es auszusprechen. Weil sie sich einredete, dass es vielleicht doch nicht wahr wäre, solange sie es nicht sagte.
„Ich träume zuviel“, sagt sie schließlich bitter. „Das habe ich immer und ihn habe ich damit manchmal zur Verzweiflung gebracht. Ich hab so sehr geträumt, dass ich mich allein daran berauscht hab und aus den Augen verlor, dass ich dafür auch was tun muss. Und da steh ich nun… Mit einer Wohnung“, ihr Arm macht eine bezeichnende Bewegung durch den Raum, „die ich mir auf Dauer nicht leisten kann. Mit Erinnerungsstücken, die ich teilen muss.“
Victoria beugt sich vor.
„Du hast noch viel mehr Erinnerungen, die dir niemand nehmen kann und die du auch mit niemandem teilen musst. Aber du hast recht: Jetzt musst DU nach vorn schauen und entscheiden, ob du hier lang oder dort lang gehst.“

Veränderungen

Entgegen ihres Widerstandes schaute er Wohnungen an.
„Dann können wir uns auch gleich scheiden lassen“, sagte Susann.
„Das sollten wir entscheiden, wenn wir denken, dass es absolut keinen Sinn mehr macht.“
„Das tuts doch schon nicht mehr.“
„Wenn du denkst, dass ich die Wohnung zum Fremdvögeln brauch – nein, dazu brauch ich sie nicht. Das kann ich auch bei Curt oder jederzeit, das kann ich überall, wenn ich das wollte.“
„Eben.“
Er dachte an Pippa.
Er dachte an ihren Wunsch nach Freiheit, er dachte an die Freiheit, die sie lebte – neben Alltag und Jobzwängen. Sie war immer noch frei – und er nicht. Er hing fest, irgendwo dazwischen, ohne ein klares Ziel, ohne einen klaren Weg.
„Ich will keinen Stillstand“, sagte er.
„DU willst keinen Stillstand? DU? Du, der seit Jahren dasselbe Leben führt und es gerne hätte, wenn es immer so weiterginge?“
Manchmal verzichtete er auf eine Antwort, manchmal stritten sie auch so lange, bis einer ging und die Tür hinter sich zuwarf.
Er hatte Luis versprochen, immer da zu sein.
Er hatte ihm auch versprochen, dass alles wieder gut würde.
Er würde es ihm erklären müssen, vielleicht morgen, vielleicht nächste Woche.
Er dachte an die ersten Wochen nach dem Bruch. Als er wünschte, all das wäre nie passiert. Als er nicht wusste, was auf sie beide zukommen würde, wie das Leben künftig aussehen würde. Als er noch wünschte, er hätte ihnen all das erspart und noch das letzte Jahr ihres Studiums durchgehalten.
Und nun dachte er hin und wieder, dass sich selbst mit dem Diplom in ihrer Hand nichts ändern würde. Sie hatte recht: Nicht er hatte sich verändert oder je danach gestrebt. Sie war es.
Und doch: Je mehr Zeit verging, desto mehr gewöhnte er sich an den Gedankem. Gewöhnte er sich daran, nach vorn zu denken. Raus zu wollen aus dieser Unbeweglichkeit des nicht vor und nicht zurück könnens. Ein Ziel haben zu wollen. Einen Weg wissen zu wollen. Überhaupt weitergehen zu können.
Und so unterschrieb er eines Tages einen Mietvertrag für eine eigentlich zu teure Wohnung, packte seine Sachen und räumte das Zimmer in der WG.

Offene Worte

Er stand am Fenster, die Hände in den Hosentaschen, er sah hinaus, hinunter auf die Straße. Sah Menschen hin und her eilen, sah sich selbst mittendrin, immer mit dem Strom, immer in Eile, in Hektik, Wege erledigen, schnell hierhin, schnell dorthin – und einmal mehr überkam ihn der Gedanke, dass er das alles nicht mehr wollte. Nicht mehr so.
„Das nennt man dann wohl eine handfeste Midlife-Crisis?“
Er wandte den Kopf, schaute auf Susann, die ein aufgeschlagenes Buch auf ihrem Schoß liegen hatte und flüchtig die Seiten umblätterte.
„Hörst du mir eigentlich zu, wenn ich was sage?“
Sie schaute auf, ihr Blick war spöttisch, ihre Stimme klang spöttisch, als sie antwortete: „Oh ja Simon, und zwar sehr.“
Sie legte das Buch vor sich auf den Tisch und stand auf, stellte sich vor ihn.
„Du bist vierzig, du hast eine Frau und ein Kind. Einen tollen Job. Den, den du immer wolltest. Du hast eine Wohnung nach deinem Geschmack, jeder von uns fährt das Auto seiner Träume. Weil ich beschließe, auch etwas für mich zu tun und noch mal zu studieren und mir der Sex vielleicht grad nicht ganz so viel bedeutet wie dir, fällst du auf ein kleines Mäuschen mit großen Rehaugen rein, vögelst sie ein bisschen und stellst fest: Ach warte mal, eigentlich habe ich doch eine Frau – aber hm, was nun? Man trennt sich, aber deine Frau kommt doch dahinter. Und weil für deine Frau dieser Beschiss nicht gleich wieder gutzumachen geht, kann sie dich in dem ach so tollen Zuhause nicht mehr ertragen, lässt dich bei deinem Sauf- und was weiß ich noch für einen Kumpel wohnen. Das passt dir aber auch alles nicht. Es ist dir zu wenig und vor allem ist es nicht nach deinem Sinn.“ Sie schaute ihn offen an. „Es geht aber nicht immer nur um dich, Simon, und es geht vor allem nicht immer nur nach deinen Vorstellungen. Alles, was ich von dir brauche, ist Zeit! Zeit! Sobald du das Haus verlässt, frage ich mich, wen du vielleicht jetzt gerade fickst oder ob das alles nur wieder eine Frage der Zeit ist. Manchmal halte ich dich nicht aus, dann will ich dich anschreien, dich anspucken, auf dich einschlagen und dann kriege ich Angst vor mir selber, weil ich mich so gar nicht kenne. Du willst so ein Leben nicht und ich will nicht so sein wie ich mich gerade erlebe. Aber noch mal: Nicht ich bin fremdgegangen, du hast dich dazu entschieden. Und jetzt komm einfach mal damit klar und übernimm verdammt noch mal Verantwortung dafür!“
„Tue ich das denn nicht?“ fragte er ruhig.
Sie lachte auf. „Denkst du denn, dass du es tust? Weil du tausendmal erzählst, es täte dir ja alles ach so leid? Es sei ja ganz allein deine Schuld? Weil du zur Paartherapie gehst, die du gar nicht willst? Weil du mir Blumen kaufst? Diese scheiß Blumen, die du deiner anderen vielleicht auch gekauft hast? Was hast du der eigentlich alles gesagt? Dass deine Ehefrau frigide geworden ist? Dass unsere Ehe nur noch auf dem Papier besteht? Dass ich nur an mich denke und an den Jungen, aber nicht an dich armes Mäuschen?“
„So war das nicht.“
„Ach nein? Wie war es dann?“
Er wandte den Blick ab.
„Mir hat nicht nur der Sex gefehlt, Susann. Ja der auch, klar. Aber eigentlich… DU hast mir gefehlt. Das Zusammensein wie früher. Das Miteinander. Dass wir uns erzählen, wie der Tag so war. Dass wir gemeinsam kochen oder was vorlesen. Dass wir einfach miteinander leben und nicht nebeneinander.“
„Und dann? Hast du stattdessen dann mit der anderen gekocht, gelesen, vom Tag erzählt?“
Er schwieg. Natürlich nicht. Sie hatten einfach nur Sex.
Susann verzog den Mund, und er hasste das. Er wusste genau, was sie dachte, wenn sie so aussah, er wusste genau, WIE sie dachte.
„So weit ist es nicht gekommen. Am Anfang fand ich ihre Aufmerksamkeit toll, ja. Und ja, es ging sicherlich zuerst auch nur darum. Und um Sex. Es hat mir nichts bedeutet, Susann. Ich wollte meine Familie, mehr nicht. Also habe ich Schluss gemacht, bevor es…“
„Bevor ich was merke“, spottete sie.
„Nein Susann. Bevor es noch irgendwelche Ausmaße annehmen würde. Du kannst von mir denken, was du willst. Oder halten, was du willst. Wenn du glaubst, ich bin ein Schwein, okay, dann bin ich es. Aber ich… Ich will mehr als nur ein bisschen Sex. Ich will mehr als nur ein Wochenendpapa sein oder einer, der auf Abruf bereitstehen muss, nur damit er überhaupt noch herkommen darf. Ich weiß, dass ich nicht in der Position bin, Forderungen zu stellen. Aber ich tingle seit Monaten zwischen irgendwelchen Wohnungen hin und her, die nicht meine sind. Wo ich nicht zu Hause bin. Wo ich auch nicht hingehöre. Ich brauche meinen eigenen Raum. Mein eigenes Zuhause. Wo nur ich bin – oder eben meine Familie. Ein Leben aus Koffern in fremden Wohnungen, das ist nichts für mich. Ich kann nicht von dir verlangen oder erwarten, dass du mir glaubst oder sogar vertraust und ich weiß auch, dass, wenn überhaupt, das alles Zeit braucht. Aber ich muss bis dahin auch nicht wie auf der Flucht leben, Susann. Keiner kann sagen, wie die Dinge morgen oder in einem Jahr liegen. Aber gerade deshalb will ich so nicht weitermachen. Ich muss eine Entscheidung treffen. Eine, die ich vertreten kann. Und die ist, dass ich mir eine eigene Wohnung suche. Ich brauche nichts Besonderes. Nur ein Zuhause.“
Eine Weile sagte sie gar nichts, schaute ihn nur an und ließ ihre Hände gleichfalls in ihre Hosentaschen sinken. Für diesen Moment lang glaubte er, sie würde verstanden haben.
„Es ist irgendwie… unfassbar, wie oft in deinem Monolog das Wort ‚Ich‘ vorkommt. Wirklich. Unfucking. Unfassbar.“
Er antwortete nicht darauf.
Es gab nichts mehr zu sagen.

Inception

Manchmal, nachts, wenn sie nicht einschlafen kann, dann bereitet sie sich eine Tasse Kaffee, schlägt das Notebook auf und beginnt zu lesen. Irgendwo, irgendwas, und während sie ihre kalten Hände an der Tasse wärmt und spürt, wie das Interesse für Gelesenes schwindet, dann setzt sie sich ihre Kopfhörer auf und dreht die Musik auf. So laut sie kann. So laut sie ertragen kann.
Und dann kommen die Erinnerungen. Wie ein Schwarm Vögel stürmen sie auf sie ein, gleich dem Schwarm Möwen, dem sie oft begegnet, wenn sie den geraden Weg aus der Stadt heraus nimmt, an jenem See vorbeikommt, wo sie oft gelaufen sind, bis ihr der Schmerz in den Seiten stach, sie ihn ein ums andere Mal verfluchte, mal laut, mal leise, während er nur lachte: „Du schaffst das, jetzt los, komm, weiter!“
An diesem See fährt sie meist nur langsam vorbei, weil sie auf die Möwen wartet. Weil sie es unfassbar liebt, wie sie so nah über sie hinwegstürmen, so dass sie jedesmal und immer wieder Gänsehaut bekommt und sie das Gefühl überkommt: „Bei euch bin ich zu Hause! Nehmt mich mit!“ Vielleicht, weil sie sie an ein früheres Zuhause erinnern, an eine Leichtigkeit, die ihr längst nicht mehr inne wohnt und die sie umso mehr vermisst.
Und dann denkt sie an ihn.
Einmal mehr.
An die glücklichen Tage, die erfüllten Tage.
An die weniger glücklichen Tage.
An die letzten Tage.
Und dann beginnt sie zu schreien, ohne dass sie je jemand hört. Dann beginnt sie um sich zu schlagen, ohne dass sie je etwas zerschlägt. Dann beginnt sie sich zu zerreißen, ohne dass je ein Tropfen Blut fließt.
Ich weiß noch immer, wie du riechst.
Ich weiß noch immer, wie du schmeckst.
Ich weiß noch immer, wie es klingt, wenn du lachst.
Ich weiß noch immer, wie es aussah, als dir die Augen zufielen und ich hysterisch heulend versuchte, dir die Augen zu öffnen und flehte: „Bitte stirb jetzt verdammt noch mal nicht!“
Ich weiß noch immer, wie es war, als du die Augen öffnetest und kaum hörbar sagtest: „Ich glaube, wir sollten jetzt doch mal einen Arzt rufen.“

Es gibt einen Anfang und es gibt ein Ende. Das gibt es immer. Man weiß nur nie, wie viel Zeit dazwischen liegt.

Wenn ich ein besserer Mensch wär

„Am Wochenende hab ich keine Zeit“, sagte Richard am Telefon, während sie dabei war, einige Unterlagen vom Tisch zusammenzuräumen und benutzte Kaffeetassen in den Spüler zu stellen.
„Ähm… Das ist nicht tragisch, ich muss auch mal hier… einiges auf Vordermann bringen.“
Und das war nicht einmal gelogen. Nach der Rückkehr von der letzten Reise wollte sie einfach nur die Fotos sortieren, sich in Ruhe mit ihrem Reiseblog befassen, sie wollte ausschlafen, im Bett frühstücken, Zeitung lesen – einfach Zeit nur für sich allein haben.
Sie brauchte Zeit für sich, auch um sich klarzuwerden darüber, was sie überhaupt eigentlich wollte. Wie sie weitergehen wollte. Mit Simon nicht, das war ihr klar, ihr war völlig bewusst, dass er nicht zu einer Entscheidung bereit war. Und ihr war ebenso klar, dass sie nicht auf diesen Moment warten wollte. Die Rolle der Geliebten, die bis in die Ewigkeiten wartet und hofft.
Nicht einmal mit Victoria mochte sie darüber sprechen, sie war sich auch nicht sicher darin, ob sie ihr überhaupt von der Nacht mit Simon erzählen wollte. Das würde ohnehin niemand verstehen und Vorwürfe…
„Bist du noch dran?“ fragte Richard.
„Äh… Ja… Natürlich.“
„Du sagst gar nichts.“
„Ach weißt du… Mir geht grad alles mögliche durch den Kopf, was ich noch erledigen muss, was ich wie mache und überhaupt…“
„Kein Problem. Sehen wir uns heute Abend?“
„Ich denke, du hast keine Zeit?“
Er amüsierte sich: „Pippa, im Chat.“
„Ach… Ja klar, stimmt. Äh ja, ich denk schon, ich klingel dich einfach an.“
„Wo bist du eigentlich grad mit deinen Gedanken?“
„Richard…“ antwortete sie ungeduldig, „ich hab grad wirklich den Kopf nicht frei.“
„Okay, kein Thema. Dann lass uns später telefonieren. Bis dann.“

Pippa ließ sich auf den Stuhl sinken, Dokumente auf dem Schoß, das Telefon legte sie auf den Tisch, betrachtete es.
Sie war versucht, ihn zurückzurufen, sich zu entschuldigen, sich zu erklären, doch dann ließ sie es. Es würde jetzt nichts besser oder schlechter machen.
Es war tatsächlich gut, dass sie sich am Wochenende nicht sehen würden.
Nicht so unmittelbar nach Simon. Nicht so in ihrem Gefühlschaos.
Was war das, was sollte das und wieso hatte sie sich darauf eingelassen?
„Du weißt schon, dass du über alles mit mir reden kannst, okay?“
Pippa starrte auf Richards Nachricht, die in ihrem Telefon aufblinkte.
Ja, das wusste sie. Das müsste sie. Das sollte sie. Sie, die immer Wert auf Ehrlichkeit legte. Auf Offenheit. Auf Fairness.
Unschlüssig hielt sie das Telefon in der Hand.
Er würde nicht wiederkommen, wenn er wüsste, das war ihr klar.
Sie legte das Telefon zur Seite, stand auf und legte die Dokumente in einen Ordner.
Egal wie es andere machen, sagte sie sich, ich kann jetzt nicht mit ihm darüber sprechen. Noch nicht, vielleicht.

Falscher Zeitpunkt

„Ich suche mir eine Wohnung“, sagte Simon zu Susann, während sie dabei war, Bücher und Unterlagen für die Vorlesung zusammenzupacken.
„Können wir das nicht später besprechen? Ich habe gerade keine Zeit“, erklärte sie genervt.
„Susann, du hast nie Zeit.“
„Ach Gott, geht das wieder los. Stimmt, ich bin ja die Blöde. Weil ich studiere und Zeit zum Lernen brauche, geht mein Mann fremd und muss sich dann auch noch ne eigene Wohnung suchen. Wieso überhaupt? Was ist eigentlich mit der WG? Wieso wohnst du überhaupt bei Curt?“
„Weil eine Studenten-WG nicht das richtige für mich ist. Ich brauch Ruhe, wenn ich zu Hause arbeiten will oder abends Seminare vorbereiten muss. Die Ruhe habe ich dort nicht. Und weil Curt eh grad alleine ist…“
„Ah ja, na da haben sich ja die zwei Richtigen gefunden.“
„Könntest du das bitte einfach mal lassen und dich vernünftig mit mir unterhalten?“
„Tu nicht so von oben herab, ich denke, du bist grad nicht in dieser Position! Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss los und Luis muss ins Bett. Wenn du also bitte die Güte hättest?“

„Papa?“
„Ja?“
„Liest du mir noch eine zweite Geschichte vor?“
„Das wird aber zu spät, Luis. Du musst jetzt schlafen.“
„Ich kann noch nicht schlafen.“
Er legte sich neben den Jungen, zog die Decke zurecht und legte seine Hand auf den Bauch des Jungen.
„Komm, jetzt kannst du die Augen zumachen. Ich bleibe hier.“
„Bis ich einschlafe?“
„Ja.“
„Und dann?“
„Dann warte ich, bis deine Mutter wieder da ist, und dann geh ich nach… dann fahr ich zu Curt.“
„Warum?“
„Weil… Deine Mutter und ich haben immer noch ein bisschen Streit, weißt du?“
„Und deswegen wohnst du jetzt gar nicht mehr bei uns?“
„Hmm… Ja, schon.“
„Aber wir streiten auch manchmal. Zieht Mama dann auch aus?“
„Nein Luis, da musst du keine Angst haben! Wir lassen dich nicht alleine, niemals.“
„Und kommst du wieder, Papa? Wenn ihr euch vertragen habt?“
„Ich denke schon, Luis.“
Beide schwiegen.
Er dachte an Pippa. Wie sie ihn angesehen hatte, prüfend, skeptisch, bevor sie zu ihm aufs Zimmer kam. Wie ruhig die Rückfahrt war. Sie versunken in ihrer Musik, er versunken in seinen Gedanken. Wie gerne hätte er irgend etwas gesagt, getan und wie gerne hätte er es gehabt, wenn sie irgend etwas in dieser Art von sich gezeigt hätte.
Zum Abschied hatte sie ihn einfach nur umarmt und auf die Wange geküsst.
„Bis zur nächsten Tour“, sagte er und sie lächelte nur und winkte zum Abschied.
„Könnt ihr euch nicht einfach wieder liebhaben?“ fragte Luis.
„Wir werden es auf jeden Fall versuchen“, antwortete Simon.
Hier in diesem Zimmer war es still, ruhig und irgendwie behaglich. Er lag da, den Blick auf die angelehnte Tür gerichtet, durch die ein wenig Licht aus dem Korridor fiel.
Das Kind neben ihm schlief ein, atmete ruhig und tief. Es verließ sich auf den Papa.
In diesem Moment wünschte er, die Monate zurückdrehen zu können. Alles ungeschehen zu machen. Er hatte geheiratet und eine Familie gegründet in dem Glauben, dass dies für immer sei. In dem Wunsch, eine eigene stabile Familie zu haben, die er selbst als Kind vermisste.
Melanie war ein Fehler. Nein, falsch. ER war der Fehler. Er hatte sich genommen, was ihm nicht gehörte.
Und anstatt jetzt ausschließlich an seiner Ehe zu arbeiten, war da Pippa.
Das konnte er niemandem erzählen, das würde ihm niemand glauben, ohne ihm zu sagen, wie dämlich er sei. Wie verlogen und unglaubwürdig.
Das konnte er vor niemandem rechtfertigen, nicht einmal vor sich selbst.
Er legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme unter dem Kopf, darauf bedacht, den Jungen neben sich nicht zu wecken.
Wie viel Basis hat eine Ehe, wenn sie nicht einmal jetzt, nicht einmal in dieser Situation auf Ehrlichkeit beruhte? Auf ehrlichem Miteinander, auch dann, wenn es noch immer schwierig war?
Wie sollte das hier weitergehen?
Er konnte jedoch auch nicht einfach hier abschließen, fortgehen und Luis zugleich eine neue Frau an seiner Seite präsentieren. Selbst Susann dies zu zeigen, erschien ihm unangebracht und unangenehm, wo er doch all die Zeit redete und tat, dass ihm nichts wichtiger als die Familie sei.
Aber Pippa…
Da war immer noch diese Frau, die etwas in ihm auslöste, das er noch nicht in Worte fassen konnte. Etwas, nach dem er sich sehnte, wenn sie nicht da war, wenn er nicht hörte, wie sie sprach, wenn er nicht sah, wie sie an den Knöpfen seiner Musikanlage drehte oder wie sie die Knöpfe ihrer Bluse öffnete.
„Bist du noch da?“
„Ja mein Junge, schlaf weiter. Ich bin da.“