„Ich gebe zu, ich hab schon ziemlichen Respekt davor“, gestand sie. „Wir beide leben schon länger alleine, wir haben uns an unser Leben gewöhnt und wer weiß schon, ob der eine bei dem anderen auch wirklich Platz findet? Ich meine.. Es geht ja schon damit los, dass ich gar nicht weiß, wo du deine Sachen einräumen sollst?“ Sie unterbrach sich, lachte und wartete auf seine Reaktion. Eine Reaktion, die trotz ihres Lachens den Zweifel erkannte und erstickte.
Richard streichelte den Hund, trank einen Schluck Kaffee und lehnte sich entspannt zurück.
„Du denkst zuviel.“
„Hm. Stimmt.“
„Übrigens, ich schnarche manchmal.“
„Ernsthaft jetzt? Dann musst du auf dem Sofa schlafen.“
„Das glaube ich dir sofort, du herzlose Prinzessin auf der Erbse.“
„Ich brauche meinen Schlaf! Sonst bin ich morgens nicht genießbar! Und bitte auch nicht erwarten, dass ich großartige Konversation führe. Morgens nicht! Da will ich meine Ruhe. Und meinen Kaffee.“
Seine Hand ruhte noch immer auf dem Kopf des Hundes, während er sie unverwandt anschaute.
„Bleib cool, Pippa. Ich will nicht bei dir einziehen. Nur ab und zu bei dir wohnen.“
Sie lächelte erleichtert. Für den Anfang war das eine gute Menge an Miteinander und immer noch Freiraum. Eine gute Mischung, um auszutesten, wie viel Miteinander sie ertragen wollten.
„Vielleicht ist es ja auch nur der Sex?“ fragte Victoria, während sie durch die Stadt liefen, das Kind im Wagen, die Nase versteckt im dicken Schal, eingemummelt im Mantel.
„Was heißt ’nur‘? Unterschätze es nicht“, neckte Pippa.
„Ich würd sagen.. Überschätze es nicht.“
„Ach weißt du.. Irgendjemand hat mal gesagt, dass man ruhig eine Zeitlang Frösche küssen und eine schöne Zeit mit ihnen haben darf, bevor der Prinz kommt.“
„Aaaah! Das kommt mir auch bekannt vor! Aber sag mal, ist Richard denn ein Frosch?“
Pippa lächelte breit.
„Und wenn, dann ein richtig guter.“
Sie betrachtete ihn, wie er da durch die Tür kam, eine Tasche in der Hand, größer als die, die er für gewöhnlich mitbrachte.
„Wo ist Günter?“
„Bei meinen Eltern.“
„Wieso das?“
„Ich wollte dich nicht gleich überfordern. Reicht doch, wenn ich erst mal da bin.“
„So viel Feingefühl hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
„Du bist ganz schön frech.“
„Gewöhn dich dran.“
„Von mir aus. Wenn ich dich dafür übers Knie legen darf?“
In ihren Augen funkelte es begehrlich.
„Ich hoffe, du vergisst das nicht.“
In der Nacht, als er längst schlief, erwachte sie. Sie drehte den Wecker zu sich, es war kurz nach halb drei. Also streckte sie sich wohlig aus in ihrem Bett und rückte näher an ihn heran. Schon öfter hatte er hier übernachtet und dennoch erschien es ihr, als hätten sie eine weitere Ebene betreten. Irgendetwas war anders geworden.
Sie legte sich zurück und dachte an die vergangenen Wochen.
Sie dachte daran, wie groß der Respekt vor diesem Schritt gewesen war – und wie wenig sich ihre Befürchtungen bewahrheitet hatten. Sie dachte daran, wie harmonisch das Miteinander war. Dass er morgens einfach den Kaffee an ihr Bett stellte, während er im Badezimmer verschwand. Dass er sie an den freien Tagen nicht nötigte aufzustehen, dafür aber gerne ewig lang mit dem Hund unterwegs war. Dass er sich in ihr Leben einpasste wie ein lange gesuchtes Puzzlestück.
„Vielleicht ist er es ja doch“, dachte sie, während sie die Kaffeetasse in beiden Händen hielt und ihm vom Fenster aus nachsah, wie er mit dem Hund durch den Schnee lief.
Was kommen würde, darüber sprachen sie nicht. Im Grunde nie. Auch darüber, was sie in Zukunft wollten, sprachen sie nicht. Sie ließen sich treiben und genossen es, dass sie einander weder störten noch anstießen.
„Und das findest du gut?“ fragte Victoria. „Also wenn du mich fragst, ich würde mir ja eher Gedanken darüber machen. Sich nicht zu stören kann ja auch bedeuten, dass beide nur an der Oberfläche kreiseln.“
„Meine Güte, hast du deine philosophische Ader entdeckt?“ reagierte Pippa genervt. „Kannst du dich nicht einfach für mich freuen?“
„Das tue ich doch“, antwortete Victoria. „Wenn er der richtige ist, dann freue ich mich für dich.“
„Na und wenn er es nicht ist, dann ist es irgendwann eben ein anderer.“
„So einfach ist das?“ reagierte Victoria erstaunt. „Ist er so einfach austauschbar? Dann solltest du wirklich genauer drüber nachdenken, sonst wird er mir leidtun, nicht du.“
In den Nächten, in denen sie erwachte und ihn neben sich wahrnahm, seinem ruhigen Atmen lauschte, da dachte sie: Nein.. nein.. so einfach wäre es nicht.