Monat: Juli 2018

In hundred Years

Sie sitzt am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt. Vor ihr liegt der geöffnete Brief, liegen die auseinandergefalteten Bögen Papier, eng beschrieben und mit Forderungen, die ihr für einen Moment den Atem genommen haben.
Victoria setzt sich zu ihr, stellt ihr eine Tasse Kaffee hin.
„Komm, auf den Schreck.“
„Ach na ja, Schreck…“, antwortet Pippa langsam. „Ich wusste ja, dass sie kommen. Ich wusste nur nicht.. dass sie so schnell kommen würden.“
„Na wenn sie was zu kriegen haben“, lacht Victoria auf. „Und was wirst du jetzt machen?“
Pippa schaut auf.
„Ich fand das Thema Geld immer so ätzend. So anstrengend. Ich mochte da nie drüber sprechen, ich habs gehasst, wenn wir uns deswegen stritten. Wer konnte denn auch ahnen, dass wir uns schon jetzt damit auseinandersetzen müssen? Ich dachte… dass wir noch so viel Zeit haben. Ich dachte immer, wir hätten noch hundert Jahre Zeit, mindestens.“
Sie lächelt schmerzlich und Vic legt ihre Hand auf die ihrer Schwester.
„Hättest du dann was anders gemacht?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht nicht. Oder doch? Vielleicht doch? Wir haben soviel Zeit verschenkt. Zeit, die wir für uns hätten haben können. Wir haben so viele Möglichkeiten verpasst. Wir haben so viel von uns verpasst und am Ende.. so wenig Zeit gehabt, das zu leben, was wir wollten. Ja Vic.. Ich glaube, ich hätte so einiges anders gemacht.“
Sie schaut auf das Papier vor sich.
„Ich würd so gerne… Warum kann man nicht einfach die Zeit noch mal zurückdrehen? Warum kann man nicht noch mal von vorne anfangen? Diesmal würde ich dann wissen, dass er kommt und darauf würde ich warten.“
Sie lehnt sich zurück, starrt blicklos vor sich hin.
„Stattdessen muss ich mich jetzt mit so einem Scheiß befassen.“
Sie schweigt kurz, dann schaut sie ihre Schwester an.
„Ich denke, es ist Zeit, auszuziehen. Mir zu überlegen, was ich tun muss und was ich tun kann.“
„Du willst das hier alles aufgeben?“
Pippa lächelt traurig, während ihr Blick in der Wohnung herumgeht.
„Wenn ich sie behalte, muss ich seine…“ Sie stockt. Bisher hat sie vermieden, es auszusprechen. Weil sie sich einredete, dass es vielleicht doch nicht wahr wäre, solange sie es nicht sagte.
„Ich träume zuviel“, sagt sie schließlich bitter. „Das habe ich immer und ihn habe ich damit manchmal zur Verzweiflung gebracht. Ich hab so sehr geträumt, dass ich mich allein daran berauscht hab und aus den Augen verlor, dass ich dafür auch was tun muss. Und da steh ich nun… Mit einer Wohnung“, ihr Arm macht eine bezeichnende Bewegung durch den Raum, „die ich mir auf Dauer nicht leisten kann. Mit Erinnerungsstücken, die ich teilen muss.“
Victoria beugt sich vor.
„Du hast noch viel mehr Erinnerungen, die dir niemand nehmen kann und die du auch mit niemandem teilen musst. Aber du hast recht: Jetzt musst DU nach vorn schauen und entscheiden, ob du hier lang oder dort lang gehst.“

Veränderungen

Entgegen ihres Widerstandes schaute er Wohnungen an.
„Dann können wir uns auch gleich scheiden lassen“, sagte Susann.
„Das sollten wir entscheiden, wenn wir denken, dass es absolut keinen Sinn mehr macht.“
„Das tuts doch schon nicht mehr.“
„Wenn du denkst, dass ich die Wohnung zum Fremdvögeln brauch – nein, dazu brauch ich sie nicht. Das kann ich auch bei Curt oder jederzeit, das kann ich überall, wenn ich das wollte.“
„Eben.“
Er dachte an Pippa.
Er dachte an ihren Wunsch nach Freiheit, er dachte an die Freiheit, die sie lebte – neben Alltag und Jobzwängen. Sie war immer noch frei – und er nicht. Er hing fest, irgendwo dazwischen, ohne ein klares Ziel, ohne einen klaren Weg.
„Ich will keinen Stillstand“, sagte er.
„DU willst keinen Stillstand? DU? Du, der seit Jahren dasselbe Leben führt und es gerne hätte, wenn es immer so weiterginge?“
Manchmal verzichtete er auf eine Antwort, manchmal stritten sie auch so lange, bis einer ging und die Tür hinter sich zuwarf.
Er hatte Luis versprochen, immer da zu sein.
Er hatte ihm auch versprochen, dass alles wieder gut würde.
Er würde es ihm erklären müssen, vielleicht morgen, vielleicht nächste Woche.
Er dachte an die ersten Wochen nach dem Bruch. Als er wünschte, all das wäre nie passiert. Als er nicht wusste, was auf sie beide zukommen würde, wie das Leben künftig aussehen würde. Als er noch wünschte, er hätte ihnen all das erspart und noch das letzte Jahr ihres Studiums durchgehalten.
Und nun dachte er hin und wieder, dass sich selbst mit dem Diplom in ihrer Hand nichts ändern würde. Sie hatte recht: Nicht er hatte sich verändert oder je danach gestrebt. Sie war es.
Und doch: Je mehr Zeit verging, desto mehr gewöhnte er sich an den Gedankem. Gewöhnte er sich daran, nach vorn zu denken. Raus zu wollen aus dieser Unbeweglichkeit des nicht vor und nicht zurück könnens. Ein Ziel haben zu wollen. Einen Weg wissen zu wollen. Überhaupt weitergehen zu können.
Und so unterschrieb er eines Tages einen Mietvertrag für eine eigentlich zu teure Wohnung, packte seine Sachen und räumte das Zimmer in der WG.