Manchmal, nachts, wenn sie nicht einschlafen kann, dann bereitet sie sich eine Tasse Kaffee, schlägt das Notebook auf und beginnt zu lesen. Irgendwo, irgendwas, und während sie ihre kalten Hände an der Tasse wärmt und spürt, wie das Interesse für Gelesenes schwindet, dann setzt sie sich ihre Kopfhörer auf und dreht die Musik auf. So laut sie kann. So laut sie ertragen kann.
Und dann kommen die Erinnerungen. Wie ein Schwarm Vögel stürmen sie auf sie ein, gleich dem Schwarm Möwen, dem sie oft begegnet, wenn sie den geraden Weg aus der Stadt heraus nimmt, an jenem See vorbeikommt, wo sie oft gelaufen sind, bis ihr der Schmerz in den Seiten stach, sie ihn ein ums andere Mal verfluchte, mal laut, mal leise, während er nur lachte: „Du schaffst das, jetzt los, komm, weiter!“
An diesem See fährt sie meist nur langsam vorbei, weil sie auf die Möwen wartet. Weil sie es unfassbar liebt, wie sie so nah über sie hinwegstürmen, so dass sie jedesmal und immer wieder Gänsehaut bekommt und sie das Gefühl überkommt: „Bei euch bin ich zu Hause! Nehmt mich mit!“ Vielleicht, weil sie sie an ein früheres Zuhause erinnern, an eine Leichtigkeit, die ihr längst nicht mehr inne wohnt und die sie umso mehr vermisst.
Und dann denkt sie an ihn.
Einmal mehr.
An die glücklichen Tage, die erfüllten Tage.
An die weniger glücklichen Tage.
An die letzten Tage.
Und dann beginnt sie zu schreien, ohne dass sie je jemand hört. Dann beginnt sie um sich zu schlagen, ohne dass sie je etwas zerschlägt. Dann beginnt sie sich zu zerreißen, ohne dass je ein Tropfen Blut fließt.
Ich weiß noch immer, wie du riechst.
Ich weiß noch immer, wie du schmeckst.
Ich weiß noch immer, wie es klingt, wenn du lachst.
Ich weiß noch immer, wie es aussah, als dir die Augen zufielen und ich hysterisch heulend versuchte, dir die Augen zu öffnen und flehte: „Bitte stirb jetzt verdammt noch mal nicht!“
Ich weiß noch immer, wie es war, als du die Augen öffnetest und kaum hörbar sagtest: „Ich glaube, wir sollten jetzt doch mal einen Arzt rufen.“
Es gibt einen Anfang und es gibt ein Ende. Das gibt es immer. Man weiß nur nie, wie viel Zeit dazwischen liegt.