Er stand am Fenster, die Hände in den Hosentaschen, er sah hinaus, hinunter auf die Straße. Sah Menschen hin und her eilen, sah sich selbst mittendrin, immer mit dem Strom, immer in Eile, in Hektik, Wege erledigen, schnell hierhin, schnell dorthin – und einmal mehr überkam ihn der Gedanke, dass er das alles nicht mehr wollte. Nicht mehr so.
„Das nennt man dann wohl eine handfeste Midlife-Crisis?“
Er wandte den Kopf, schaute auf Susann, die ein aufgeschlagenes Buch auf ihrem Schoß liegen hatte und flüchtig die Seiten umblätterte.
„Hörst du mir eigentlich zu, wenn ich was sage?“
Sie schaute auf, ihr Blick war spöttisch, ihre Stimme klang spöttisch, als sie antwortete: „Oh ja Simon, und zwar sehr.“
Sie legte das Buch vor sich auf den Tisch und stand auf, stellte sich vor ihn.
„Du bist vierzig, du hast eine Frau und ein Kind. Einen tollen Job. Den, den du immer wolltest. Du hast eine Wohnung nach deinem Geschmack, jeder von uns fährt das Auto seiner Träume. Weil ich beschließe, auch etwas für mich zu tun und noch mal zu studieren und mir der Sex vielleicht grad nicht ganz so viel bedeutet wie dir, fällst du auf ein kleines Mäuschen mit großen Rehaugen rein, vögelst sie ein bisschen und stellst fest: Ach warte mal, eigentlich habe ich doch eine Frau – aber hm, was nun? Man trennt sich, aber deine Frau kommt doch dahinter. Und weil für deine Frau dieser Beschiss nicht gleich wieder gutzumachen geht, kann sie dich in dem ach so tollen Zuhause nicht mehr ertragen, lässt dich bei deinem Sauf- und was weiß ich noch für einen Kumpel wohnen. Das passt dir aber auch alles nicht. Es ist dir zu wenig und vor allem ist es nicht nach deinem Sinn.“ Sie schaute ihn offen an. „Es geht aber nicht immer nur um dich, Simon, und es geht vor allem nicht immer nur nach deinen Vorstellungen. Alles, was ich von dir brauche, ist Zeit! Zeit! Sobald du das Haus verlässt, frage ich mich, wen du vielleicht jetzt gerade fickst oder ob das alles nur wieder eine Frage der Zeit ist. Manchmal halte ich dich nicht aus, dann will ich dich anschreien, dich anspucken, auf dich einschlagen und dann kriege ich Angst vor mir selber, weil ich mich so gar nicht kenne. Du willst so ein Leben nicht und ich will nicht so sein wie ich mich gerade erlebe. Aber noch mal: Nicht ich bin fremdgegangen, du hast dich dazu entschieden. Und jetzt komm einfach mal damit klar und übernimm verdammt noch mal Verantwortung dafür!“
„Tue ich das denn nicht?“ fragte er ruhig.
Sie lachte auf. „Denkst du denn, dass du es tust? Weil du tausendmal erzählst, es täte dir ja alles ach so leid? Es sei ja ganz allein deine Schuld? Weil du zur Paartherapie gehst, die du gar nicht willst? Weil du mir Blumen kaufst? Diese scheiß Blumen, die du deiner anderen vielleicht auch gekauft hast? Was hast du der eigentlich alles gesagt? Dass deine Ehefrau frigide geworden ist? Dass unsere Ehe nur noch auf dem Papier besteht? Dass ich nur an mich denke und an den Jungen, aber nicht an dich armes Mäuschen?“
„So war das nicht.“
„Ach nein? Wie war es dann?“
Er wandte den Blick ab.
„Mir hat nicht nur der Sex gefehlt, Susann. Ja der auch, klar. Aber eigentlich… DU hast mir gefehlt. Das Zusammensein wie früher. Das Miteinander. Dass wir uns erzählen, wie der Tag so war. Dass wir gemeinsam kochen oder was vorlesen. Dass wir einfach miteinander leben und nicht nebeneinander.“
„Und dann? Hast du stattdessen dann mit der anderen gekocht, gelesen, vom Tag erzählt?“
Er schwieg. Natürlich nicht. Sie hatten einfach nur Sex.
Susann verzog den Mund, und er hasste das. Er wusste genau, was sie dachte, wenn sie so aussah, er wusste genau, WIE sie dachte.
„So weit ist es nicht gekommen. Am Anfang fand ich ihre Aufmerksamkeit toll, ja. Und ja, es ging sicherlich zuerst auch nur darum. Und um Sex. Es hat mir nichts bedeutet, Susann. Ich wollte meine Familie, mehr nicht. Also habe ich Schluss gemacht, bevor es…“
„Bevor ich was merke“, spottete sie.
„Nein Susann. Bevor es noch irgendwelche Ausmaße annehmen würde. Du kannst von mir denken, was du willst. Oder halten, was du willst. Wenn du glaubst, ich bin ein Schwein, okay, dann bin ich es. Aber ich… Ich will mehr als nur ein bisschen Sex. Ich will mehr als nur ein Wochenendpapa sein oder einer, der auf Abruf bereitstehen muss, nur damit er überhaupt noch herkommen darf. Ich weiß, dass ich nicht in der Position bin, Forderungen zu stellen. Aber ich tingle seit Monaten zwischen irgendwelchen Wohnungen hin und her, die nicht meine sind. Wo ich nicht zu Hause bin. Wo ich auch nicht hingehöre. Ich brauche meinen eigenen Raum. Mein eigenes Zuhause. Wo nur ich bin – oder eben meine Familie. Ein Leben aus Koffern in fremden Wohnungen, das ist nichts für mich. Ich kann nicht von dir verlangen oder erwarten, dass du mir glaubst oder sogar vertraust und ich weiß auch, dass, wenn überhaupt, das alles Zeit braucht. Aber ich muss bis dahin auch nicht wie auf der Flucht leben, Susann. Keiner kann sagen, wie die Dinge morgen oder in einem Jahr liegen. Aber gerade deshalb will ich so nicht weitermachen. Ich muss eine Entscheidung treffen. Eine, die ich vertreten kann. Und die ist, dass ich mir eine eigene Wohnung suche. Ich brauche nichts Besonderes. Nur ein Zuhause.“
Eine Weile sagte sie gar nichts, schaute ihn nur an und ließ ihre Hände gleichfalls in ihre Hosentaschen sinken. Für diesen Moment lang glaubte er, sie würde verstanden haben.
„Es ist irgendwie… unfassbar, wie oft in deinem Monolog das Wort ‚Ich‘ vorkommt. Wirklich. Unfucking. Unfassbar.“
Er antwortete nicht darauf.
Es gab nichts mehr zu sagen.
Monat: August 2017
Inception
Manchmal, nachts, wenn sie nicht einschlafen kann, dann bereitet sie sich eine Tasse Kaffee, schlägt das Notebook auf und beginnt zu lesen. Irgendwo, irgendwas, und während sie ihre kalten Hände an der Tasse wärmt und spürt, wie das Interesse für Gelesenes schwindet, dann setzt sie sich ihre Kopfhörer auf und dreht die Musik auf. So laut sie kann. So laut sie ertragen kann.
Und dann kommen die Erinnerungen. Wie ein Schwarm Vögel stürmen sie auf sie ein, gleich dem Schwarm Möwen, dem sie oft begegnet, wenn sie den geraden Weg aus der Stadt heraus nimmt, an jenem See vorbeikommt, wo sie oft gelaufen sind, bis ihr der Schmerz in den Seiten stach, sie ihn ein ums andere Mal verfluchte, mal laut, mal leise, während er nur lachte: „Du schaffst das, jetzt los, komm, weiter!“
An diesem See fährt sie meist nur langsam vorbei, weil sie auf die Möwen wartet. Weil sie es unfassbar liebt, wie sie so nah über sie hinwegstürmen, so dass sie jedesmal und immer wieder Gänsehaut bekommt und sie das Gefühl überkommt: „Bei euch bin ich zu Hause! Nehmt mich mit!“ Vielleicht, weil sie sie an ein früheres Zuhause erinnern, an eine Leichtigkeit, die ihr längst nicht mehr inne wohnt und die sie umso mehr vermisst.
Und dann denkt sie an ihn.
Einmal mehr.
An die glücklichen Tage, die erfüllten Tage.
An die weniger glücklichen Tage.
An die letzten Tage.
Und dann beginnt sie zu schreien, ohne dass sie je jemand hört. Dann beginnt sie um sich zu schlagen, ohne dass sie je etwas zerschlägt. Dann beginnt sie sich zu zerreißen, ohne dass je ein Tropfen Blut fließt.
Ich weiß noch immer, wie du riechst.
Ich weiß noch immer, wie du schmeckst.
Ich weiß noch immer, wie es klingt, wenn du lachst.
Ich weiß noch immer, wie es aussah, als dir die Augen zufielen und ich hysterisch heulend versuchte, dir die Augen zu öffnen und flehte: „Bitte stirb jetzt verdammt noch mal nicht!“
Ich weiß noch immer, wie es war, als du die Augen öffnetest und kaum hörbar sagtest: „Ich glaube, wir sollten jetzt doch mal einen Arzt rufen.“
Es gibt einen Anfang und es gibt ein Ende. Das gibt es immer. Man weiß nur nie, wie viel Zeit dazwischen liegt.