Monat: Juni 2017

Wenn ich ein besserer Mensch wär

„Am Wochenende hab ich keine Zeit“, sagte Richard am Telefon, während sie dabei war, einige Unterlagen vom Tisch zusammenzuräumen und benutzte Kaffeetassen in den Spüler zu stellen.
„Ähm… Das ist nicht tragisch, ich muss auch mal hier… einiges auf Vordermann bringen.“
Und das war nicht einmal gelogen. Nach der Rückkehr von der letzten Reise wollte sie einfach nur die Fotos sortieren, sich in Ruhe mit ihrem Reiseblog befassen, sie wollte ausschlafen, im Bett frühstücken, Zeitung lesen – einfach Zeit nur für sich allein haben.
Sie brauchte Zeit für sich, auch um sich klarzuwerden darüber, was sie überhaupt eigentlich wollte. Wie sie weitergehen wollte. Mit Simon nicht, das war ihr klar, ihr war völlig bewusst, dass er nicht zu einer Entscheidung bereit war. Und ihr war ebenso klar, dass sie nicht auf diesen Moment warten wollte. Die Rolle der Geliebten, die bis in die Ewigkeiten wartet und hofft.
Nicht einmal mit Victoria mochte sie darüber sprechen, sie war sich auch nicht sicher darin, ob sie ihr überhaupt von der Nacht mit Simon erzählen wollte. Das würde ohnehin niemand verstehen und Vorwürfe…
„Bist du noch dran?“ fragte Richard.
„Äh… Ja… Natürlich.“
„Du sagst gar nichts.“
„Ach weißt du… Mir geht grad alles mögliche durch den Kopf, was ich noch erledigen muss, was ich wie mache und überhaupt…“
„Kein Problem. Sehen wir uns heute Abend?“
„Ich denke, du hast keine Zeit?“
Er amüsierte sich: „Pippa, im Chat.“
„Ach… Ja klar, stimmt. Äh ja, ich denk schon, ich klingel dich einfach an.“
„Wo bist du eigentlich grad mit deinen Gedanken?“
„Richard…“ antwortete sie ungeduldig, „ich hab grad wirklich den Kopf nicht frei.“
„Okay, kein Thema. Dann lass uns später telefonieren. Bis dann.“

Pippa ließ sich auf den Stuhl sinken, Dokumente auf dem Schoß, das Telefon legte sie auf den Tisch, betrachtete es.
Sie war versucht, ihn zurückzurufen, sich zu entschuldigen, sich zu erklären, doch dann ließ sie es. Es würde jetzt nichts besser oder schlechter machen.
Es war tatsächlich gut, dass sie sich am Wochenende nicht sehen würden.
Nicht so unmittelbar nach Simon. Nicht so in ihrem Gefühlschaos.
Was war das, was sollte das und wieso hatte sie sich darauf eingelassen?
„Du weißt schon, dass du über alles mit mir reden kannst, okay?“
Pippa starrte auf Richards Nachricht, die in ihrem Telefon aufblinkte.
Ja, das wusste sie. Das müsste sie. Das sollte sie. Sie, die immer Wert auf Ehrlichkeit legte. Auf Offenheit. Auf Fairness.
Unschlüssig hielt sie das Telefon in der Hand.
Er würde nicht wiederkommen, wenn er wüsste, das war ihr klar.
Sie legte das Telefon zur Seite, stand auf und legte die Dokumente in einen Ordner.
Egal wie es andere machen, sagte sie sich, ich kann jetzt nicht mit ihm darüber sprechen. Noch nicht, vielleicht.

Falscher Zeitpunkt

„Ich suche mir eine Wohnung“, sagte Simon zu Susann, während sie dabei war, Bücher und Unterlagen für die Vorlesung zusammenzupacken.
„Können wir das nicht später besprechen? Ich habe gerade keine Zeit“, erklärte sie genervt.
„Susann, du hast nie Zeit.“
„Ach Gott, geht das wieder los. Stimmt, ich bin ja die Blöde. Weil ich studiere und Zeit zum Lernen brauche, geht mein Mann fremd und muss sich dann auch noch ne eigene Wohnung suchen. Wieso überhaupt? Was ist eigentlich mit der WG? Wieso wohnst du überhaupt bei Curt?“
„Weil eine Studenten-WG nicht das richtige für mich ist. Ich brauch Ruhe, wenn ich zu Hause arbeiten will oder abends Seminare vorbereiten muss. Die Ruhe habe ich dort nicht. Und weil Curt eh grad alleine ist…“
„Ah ja, na da haben sich ja die zwei Richtigen gefunden.“
„Könntest du das bitte einfach mal lassen und dich vernünftig mit mir unterhalten?“
„Tu nicht so von oben herab, ich denke, du bist grad nicht in dieser Position! Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss los und Luis muss ins Bett. Wenn du also bitte die Güte hättest?“

„Papa?“
„Ja?“
„Liest du mir noch eine zweite Geschichte vor?“
„Das wird aber zu spät, Luis. Du musst jetzt schlafen.“
„Ich kann noch nicht schlafen.“
Er legte sich neben den Jungen, zog die Decke zurecht und legte seine Hand auf den Bauch des Jungen.
„Komm, jetzt kannst du die Augen zumachen. Ich bleibe hier.“
„Bis ich einschlafe?“
„Ja.“
„Und dann?“
„Dann warte ich, bis deine Mutter wieder da ist, und dann geh ich nach… dann fahr ich zu Curt.“
„Warum?“
„Weil… Deine Mutter und ich haben immer noch ein bisschen Streit, weißt du?“
„Und deswegen wohnst du jetzt gar nicht mehr bei uns?“
„Hmm… Ja, schon.“
„Aber wir streiten auch manchmal. Zieht Mama dann auch aus?“
„Nein Luis, da musst du keine Angst haben! Wir lassen dich nicht alleine, niemals.“
„Und kommst du wieder, Papa? Wenn ihr euch vertragen habt?“
„Ich denke schon, Luis.“
Beide schwiegen.
Er dachte an Pippa. Wie sie ihn angesehen hatte, prüfend, skeptisch, bevor sie zu ihm aufs Zimmer kam. Wie ruhig die Rückfahrt war. Sie versunken in ihrer Musik, er versunken in seinen Gedanken. Wie gerne hätte er irgend etwas gesagt, getan und wie gerne hätte er es gehabt, wenn sie irgend etwas in dieser Art von sich gezeigt hätte.
Zum Abschied hatte sie ihn einfach nur umarmt und auf die Wange geküsst.
„Bis zur nächsten Tour“, sagte er und sie lächelte nur und winkte zum Abschied.
„Könnt ihr euch nicht einfach wieder liebhaben?“ fragte Luis.
„Wir werden es auf jeden Fall versuchen“, antwortete Simon.
Hier in diesem Zimmer war es still, ruhig und irgendwie behaglich. Er lag da, den Blick auf die angelehnte Tür gerichtet, durch die ein wenig Licht aus dem Korridor fiel.
Das Kind neben ihm schlief ein, atmete ruhig und tief. Es verließ sich auf den Papa.
In diesem Moment wünschte er, die Monate zurückdrehen zu können. Alles ungeschehen zu machen. Er hatte geheiratet und eine Familie gegründet in dem Glauben, dass dies für immer sei. In dem Wunsch, eine eigene stabile Familie zu haben, die er selbst als Kind vermisste.
Melanie war ein Fehler. Nein, falsch. ER war der Fehler. Er hatte sich genommen, was ihm nicht gehörte.
Und anstatt jetzt ausschließlich an seiner Ehe zu arbeiten, war da Pippa.
Das konnte er niemandem erzählen, das würde ihm niemand glauben, ohne ihm zu sagen, wie dämlich er sei. Wie verlogen und unglaubwürdig.
Das konnte er vor niemandem rechtfertigen, nicht einmal vor sich selbst.
Er legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme unter dem Kopf, darauf bedacht, den Jungen neben sich nicht zu wecken.
Wie viel Basis hat eine Ehe, wenn sie nicht einmal jetzt, nicht einmal in dieser Situation auf Ehrlichkeit beruhte? Auf ehrlichem Miteinander, auch dann, wenn es noch immer schwierig war?
Wie sollte das hier weitergehen?
Er konnte jedoch auch nicht einfach hier abschließen, fortgehen und Luis zugleich eine neue Frau an seiner Seite präsentieren. Selbst Susann dies zu zeigen, erschien ihm unangebracht und unangenehm, wo er doch all die Zeit redete und tat, dass ihm nichts wichtiger als die Familie sei.
Aber Pippa…
Da war immer noch diese Frau, die etwas in ihm auslöste, das er noch nicht in Worte fassen konnte. Etwas, nach dem er sich sehnte, wenn sie nicht da war, wenn er nicht hörte, wie sie sprach, wenn er nicht sah, wie sie an den Knöpfen seiner Musikanlage drehte oder wie sie die Knöpfe ihrer Bluse öffnete.
„Bist du noch da?“
„Ja mein Junge, schlaf weiter. Ich bin da.“

Sugar Burns

An diesem Abend lud er sie zu einem Essen ein. In seinem Kopf herrschte Chaos, überhaupt herrschte Chaos in ihm und auch wenn er nicht wusste, warum, so wollte er sie an diesem Abend so lange wie möglich bei sich haben.
Vielleicht würden sie nur über die Arbeit reden, vielleicht würde sie auch von dem Mann erzählen und er würde vielleicht beruhigt schlafen gehen, weil sie sagen könnte: „Es bedeutet mir nicht wirklich was.“
Er sprach schnell, er sprach viel, er bestellte, kaum dass sie ausgewählt hatte, er orderte den Wein, kaum dass sie entschieden hatte, und irgendwann lehnte sie sich zurück und betrachtete ihn.
Diesen Blick mochte er nicht wirklich, er schien ihn zu durchbohren, an die Wand zu nageln und bewegungsunfähig zu machen. Er fühlte sich befangen, irgendwie unsicher, und je mehr er das spürte, desto mehr sprach er über Belangloses, bis sie irgendwann ihr Glas Wein nahm, daran nippte und zu ihm sagte: „Simon, was ist eigentlich los mit dir?“
Und er antwortete, bevor er denken konnte: „Ich mochte dich am Anfang nicht einmal.“
Sie trank erneut vom Wein, reagierte jedoch nicht auf seine Worte. Sie wartete.
„Du hattest so unmöglich gefärbtes Haar, der Lack auf deinen Nägeln war auch nicht mehr der neueste. Und du warst so unfassbar arrogant, nichts hat dich interessiert, keiner von uns. Du hast einfach deine Musik gehört und uns immer ignoriert.“
Sie lächelte.
„Du meinst, ich habe dich ignoriert?“
Es schien, als habe er sie nicht gehört, er sprach einfach weiter und irgendwann sagte er: „Es gibt da grad jemanden?“
Ihre Hände lagen flach auf dem Tisch, er registrierte überdeutlich, wie perfekt ihre Nägel lackiert waren, wie gut sie einfach aussah.
„Mit deiner Ehe läuft es nicht so?“ fragte sie.
Verdammt, wieso antwortete sie nicht einfach auf seine Frage?
„Pippa, es gibt da grad jemanden?“
„Was willst du eigentlich?“
Sie starrten einander an, sie wussten beide die Antwort, sein Hals war trocken, er war angespannt, als er sagte: „Dich!“
Sag doch was, dachte er. Quälende Momente, in denen sie ihn einfach nur ansah mit diesem Blick, den er partout nicht mochte.
„Für wie lange?“ fragte sie schließlich. „Für heute Abend? Für eine Nacht oder auch zwei?“
„Du fragst das so, als ob.. als ob ich..“
„Für wie lange, Simon?“
Am liebsten für immer, würde er am liebsten genau jetzt sagen.
„Ich weiß es nicht“, antwortete er. „Ich weiß nur, ich will dich.“
Frag jetzt nicht nach Susann, dachte er, während sie ihn anstarrte. Sie fragte nicht. Sie fragte überhaupt nichts. Sie schaute ihn nur an, dieser verdammte undurchdringliche Blick. Sie nahm einen weiteren Schluck Wein.
Nicht reden, dachte er, lass uns gehen. Ich will dich anfassen, ich will dich ausziehen, ich will dich küssen, ich will dich überall streicheln und ich will, dass du das bei mir auch tust. 
Sie betrachtete ihn, wie er da saß, und sie spürte, wie langsam die Nervosität von ihm abfiel. Offenbar hatte er gesagt, was er sagen wollte.
„Manchmal“, begann er erneut und dieses Mal bedeutend ruhiger, „da denke ich, ich will dich einfach nur bei mir haben. Wir müssen ja nicht mal was machen. Aber dass du da bist, neben mir sitzt, mir was erzählst, mir deine Musik vorspielst. Mir von deinem Tag erzählst. Dass ich nur den Arm ausstrecken müsste, um dich zu berühren, dich zu riechen, dich zu schmecken. Ich habe das nicht…“ Er unterbrach sich, trank von seinem Wein, schaute durch das Lokal, bis sein Blick wieder bei ihr hängenblieb.
Ihr Mund, oh Gott, ihr wundervoller Mund. Wie sie ihn geküsst hatte, überall, einfach überall.
Sein Handy klingelte, Susanns Bild erschien auf dem Display. Er sah es, sie sah es. Verdammt, verdammt, verdammt, wieso ausgerechnet jetzt und wieso musste er das Telefon so offen auf dem Tisch liegen haben?
„Willst du nicht rangehen?“ fragte Pippa ruhig.
Er antwortete nicht, er nahm das Handy und drückte auf den grünen Knopf: „Ja Susann?“ Einen Moment lang hörte er nur zu, er sprach nichts, bis er schließlich sagte: „Ja okay, ich bin morgen zurück und dann übernehme ich Luis. Ja. Nein, vor 17 Uhr nicht, ich habe erst 11 Uhr das Seminar. Gut.“ Er legte auf. Als er Pippa anschaute, lächelte sie. „Wie viel Zeit habe ich, mir die Stadt anzuschauen?“
„Wenn du willst, können wir gleich heute Abend damit anfangen.“
Er ließ die Rechnung kommen, er zahlte, sie gingen. Er hielt ihr die Tür offen und als sie an ihm vorbeiging, atmete er ihren wundervollen Duft.
Er genoss diesen Abend, der so ganz anders verlaufen war als er das heute Morgen noch gedacht hatte. Er genoss es, dass sie da war, dass sie bei ihm war, dass sie nichts fragte, nichts forderte, dass sie durch die Straßen liefen, in Fenster schauten, sich Anekdoten aus ihrem Leben erzählten, und irgendwann nahm er wie selbstverständlich ihre Hand.
So liefen sie weiter, bis sie müde wurden und ein Taxi zum Hotel zurück nahmen.
Er genoss es, wie sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte und die Augen schloss.
Er genoss es, sie im Arm zu halten, dass sie so nah war, dass sie da war.
Niemand sprach ein Wort, als er die Tür zu seinem Hotelzimmer öffnete, sie hinter ihnen beiden schloss. Keiner machte Licht, sie hatten sich, sie fühlten sich, das war genug.
Die Rastlosigkeit war längst von ihm abgefallen, doch hier, in diesem Zimmer, in diesem Bett, sein nackter Körper auf ihrem nackten Körper, da fand er endlich Ruhe. Endlich, endlich. Hier wollte er sein und grad nirgendwo anders. Bei dieser Frau, mit dieser Frau, in dieser Frau, und als er irgendwann neben ihr einschlief, spürte er nicht, wie sie aufstand, ihre Sachen zusammensuchte und leise die Tür hinter sich schloss.

Sie begegneten einander beim Frühstück. Sie sah ihm offen in die Augen.
„Hast du gut geschlafen?“
„Warum bist du gegangen?“
„Ich wollte uns Peinlichkeiten ersparen.“
„Peinlichkeiten?“
„Wann muss ich wieder im Hotel sein? Wie viel Zeit habe ich für Sightseeing?“
„Pippa…“
Sie lächelte.
„Machs jetzt nicht kompliziert.“
In diesem Moment fühlte er die Rastlosigkeit zurückkommen.

…once is enough

„Manchmal denke ich, es ist genug, dieses Leben.“
Pippa sitzt Victoria gegenüber, streicht sacht, wie bedächtig über ihre Bluse, betrachtet ihre Hände, die hervortretenden Adern, die sorgfältig geschnittenen Nägel.
„Wie meinst du das?“
Pippa schließt die Augen, so als könne sie nur dann nachdenken, dann öffnet sie sie wieder und sie greift zum Kaffeebecher neben sich.
„Ich hatte alles. Mehr kann nicht mehr kommen. Mehr will ich nicht mehr. Ich will nichts anderes mehr. Nichts Neues mehr, an das ich mich erst gewöhnen müsste.“
Sie betrachtet ihre Schwester.
„Du hast deine Kinder, du hast deinen Mann, irgendwann habt ihr Enkel. Ihr habt euer Leben und das ist gut so. Ich… hatte meins auch.“ Sie trinkt einen Schluck, stellt den Becher wieder ab, lässt die Hände rechts und links davon liegen, betrachtet sie erneut.
„Hast du es denn nicht immer noch?“ fragt Victoria. „Du liest gern, du malst immer noch gern, Musik bedeutet dir alles und du liebst dein…“ Sie stockt und Pippa lächelt traurig.
„Meinst du das Zuhause, das jetzt nur noch mir gehört? Weißt du… Na klar könnte ich umziehen, ausziehen. Neu anfangen. Wo nichts an ihn erinnert, nichts nach ihm riecht und ich auch nicht dauernd das Gefühl habe, dass er da sein müsste, wenn ich die Tür aufschließe. Aber… aber ich will das gar nicht. Ich will ihn gar nicht vergessen. Es ist gut, dass er da war. Dass wir unsere Zeit hatten. Ich frage mich nicht, ob wir zuviel wollten und deswegen jetzt nichts mehr haben. Ich glaube nicht an Schicksal. Aber ich glaube an die Liebe. An die Liebe, die nichts fragt, nichts fordert. An die Liebe, die einen ankommen lässt und wo man nichts anderes mehr braucht als das. Wo man nicht nur zufrieden ist, sondern einfach.. glücklich. Glücklich mit dem, was man hat und wie es ist.“
„Manchen Menschen passiert so etwas nicht nur einmal“, sagt Victoria leise.
„Ja, kann sein.“
Pippa schließt die Augen.
„Aber ich will es gar nicht noch einmal. Weil… Dann wäre er wirklich weg. Für immer.“
„Muss ich mir Sorgen machen? Muss ich Angst haben, Pippa?“
Sie öffnet die Augen, sie lächelt. Ein stilles, zufriedenes Lächeln von ganz tief drinnen.
„Nicht doch. Aber es wäre okay, wenn es vorbei wäre.“

Draußen

Manchmal finden zwei Menschen aus verschiedensten Gründen zusammen und sind dennoch der Meinung, dass der Zeitpunkt kein besserer hätte sein können.
Während Simon nach dem Abend bei und mit Susann nichts fand, das die innere Leere aufzufüllen vermochte und sich nach der Leidenschaft Pippas sehnte, nach ihrem Begehren, das irgendwie nur ihm galt, versuchte sie, die Wochenenden ohne Richard zu füllen.
Er fragte nur sie, ihn zu begleiten, er hoffte, seine Richtung wäre ihre Richtung, und er brauchte es, sie allein zu sehen, sie allein zu treffen, sie allein für sich zu haben.
Er mochte an ihr, dass sie so wenig redete, noch weniger über sich preisgab und zugleich dennoch soviel über sich sprach. Eine Frau, die er mit jeder Begegnung neu entdeckte und die ihm so unfassbar viel Lust bereitete, an diesem Leben teilzuhaben.
Dass er die Situation zu Hause selbst verschuldete hatte, interessierte ihn hierbei nicht. Gestresst in der Firma, gestresst im Zusammenwohnen mit anderen Menschen, gestresst im Hin und Her zwischen dem Leben mit und dem Leben ohne Susann und Luis wünschte er sich einfach nur einen Platz, an dem er sich setzen, sich legen konnte, wo ihn niemand fragte, niemand forderte, niemand um etwas bat. Einfach nur hinkommen und sich ausstrecken können, zuhören oder auch nicht, Gedanken treiben lassen oder auch nicht. Einfach nur mal runterfahren, an nichts denken und vor allem nichts regeln müssen. Vor nichts auf der Hut sein, keinen einzigen Satz vorher zurechtlegen und überdenken müssen.
Bei Pippa war er einfach nur er selbst und das genoss er.
Hingegen sie spürte seine Unrast, seine Zerrissenheit – und sie beschloss zu warten, bis er selbst davon sprechen würde.
Gut sah sie aus, erholt, irgendwie jünger, und sie lächelte auf seine Frage: „Ja, es geht mir gut.“
Er dachte an das Wochenende mit ihr, nun gut, das halbe Wochenende, er dachte vor allem an die Nacht mit ihr, ihre Fingernägel auf seiner Haut, ihren Atem an seinem Ohr, an ihre Beine um seinen Körper. Am liebsten würde er auf das Seminar pfeifen und viel lieber mit ihr irgendwohin fahren, zwanglos, zeitlos. Essen, trinken, mit ihr schlafen, neben ihr schlafen, neben ihr erwachen. Anders als beim letzten Mal. Die Zeit mit ihr genießen.
„Meist steckt da ja ein Mann dahinter, wenn es einer Frau gut geht“, scherzte er.
Sie lächelte ihn an.
„Traust du mir nicht zu, dass ich es mir auch ohne Mann gut gehen lassen kann?“
Noch bevor er antworten konnte, ihr lediglich einen Seitenblick zuwarf, fügte sie hinzu: „Aber du hast recht, es gibt da jemanden.“
Noch sehr viel später erinnerte er sich immer wieder an genau diesen Moment.
Was sie sagte.
Wie sie es sagte.
Wie kalt ihm wurde.
Wie heiß ihm wurde.
Er war draußen.

Pick Me Up

Als sie so neben ihm saß und ihn anschaute, als sie so nach Zigaretten und Alkohol roch, da wurde ihm klar, dass er zumindest in diesem Moment so absolut keine Lust auf diese Frau hatte. Aber da saß sie nun, ihr Blick abwartend, und außerdem hatte er schon Ewigkeiten keinen Sex mehr gehabt.
Also griff er nach ihr, zog sie auf seinen Schoß, und während sie einander küssten und sich auszogen, während er spürte, wie er reagierte und hart wurde, wartete er nur darauf, endlich in ihr zu kommen, Erleichterung zu finden. Sekunden später war es dann auch schon soweit und während sie nach den Zigaretten griff und den Raum verließ, blieb er sitzen, stierte vor sich hin.
Erleichterung. Unbefriedigte Erleichterung.
Da fehlte etwas. Gottverdammte Scheiße, da fehlte eine ganze Menge.
Er fuhr sich mit den Händen durch das Haar, griff nach dem Glas Wein auf dem Tisch vor ihm.
„Für heute ist es okay, wenn du hierbleibst“, sagte Susann, als sie zurückkam. „Aber für morgen möchte ich, dass du wieder bei dir übernachtest.“
„Du meinst, bei Curt.“
„Wo auch immer“, entgegnete sie forsch.
Er stand auf, zerrte das Hemd in Form, zog die Jeans an, fuhr sich noch einmal mit den Händen durch die Haare und griff nach seiner Jacke.
„Ich fahr rüber zu ihm.“
„Du kannst ruhig hier auf dem Sofa…“
„Ich weiß“, unterbrach er sie ruhig. „Wir sehen uns morgen.“
Er lief durch die Straßen, verzichtete auf ein Taxi. Die kalte Nachtluft tat ihm gut.
Menschen liefen an ihm vorüber, Pärchen, Betrunkene. Am liebsten würde er sich noch irgendwo hinsetzen, ein Bier trinken, noch nicht bei Curt ankommen, nicht reden, nicht nachdenken – und am liebsten nichts fühlen. Vor allem nicht diese Leere nach dem Sex mit Susann. Wie vertraut und fremd sie ihm zugleich war. Wie wenig… Liebe dabei war. Keine Liebe, keine Sehnsucht, keine Leidenschaft. Einfach nur Sex.
Leerer, irgendwie bedeutungsloser Sex. Bedeutungsloser, mechanischer Sex mit der eigenen Frau, so weit waren sie also gekommen. Dass sie ihm klarmachte, anschließend zu gehen, passte nur zu gut in diese Situation.
Als er schließlich doch an einer Bar anhielt und ein Bier orderte, wusste er, dass er so nicht wollte.
Aber ihm war auch nicht klar, ob er zuviel getrunken hatte an diesem Abend.
Und er war dankbar, dass Curt nicht da war, als er die Tür aufschloss.
Er verkroch sich im Zimmer, öffnete eine weitere Flasche Wein. Dann kramte er das Handy hervor, suchte Pippas Foto im Messenger. Betrachtete ihr Gesicht, führte die Flasche an den Mund und öffnete seine Jeans.