An diesem Abend lud er sie zu einem Essen ein. In seinem Kopf herrschte Chaos, überhaupt herrschte Chaos in ihm und auch wenn er nicht wusste, warum, so wollte er sie an diesem Abend so lange wie möglich bei sich haben.
Vielleicht würden sie nur über die Arbeit reden, vielleicht würde sie auch von dem Mann erzählen und er würde vielleicht beruhigt schlafen gehen, weil sie sagen könnte: „Es bedeutet mir nicht wirklich was.“
Er sprach schnell, er sprach viel, er bestellte, kaum dass sie ausgewählt hatte, er orderte den Wein, kaum dass sie entschieden hatte, und irgendwann lehnte sie sich zurück und betrachtete ihn.
Diesen Blick mochte er nicht wirklich, er schien ihn zu durchbohren, an die Wand zu nageln und bewegungsunfähig zu machen. Er fühlte sich befangen, irgendwie unsicher, und je mehr er das spürte, desto mehr sprach er über Belangloses, bis sie irgendwann ihr Glas Wein nahm, daran nippte und zu ihm sagte: „Simon, was ist eigentlich los mit dir?“
Und er antwortete, bevor er denken konnte: „Ich mochte dich am Anfang nicht einmal.“
Sie trank erneut vom Wein, reagierte jedoch nicht auf seine Worte. Sie wartete.
„Du hattest so unmöglich gefärbtes Haar, der Lack auf deinen Nägeln war auch nicht mehr der neueste. Und du warst so unfassbar arrogant, nichts hat dich interessiert, keiner von uns. Du hast einfach deine Musik gehört und uns immer ignoriert.“
Sie lächelte.
„Du meinst, ich habe dich ignoriert?“
Es schien, als habe er sie nicht gehört, er sprach einfach weiter und irgendwann sagte er: „Es gibt da grad jemanden?“
Ihre Hände lagen flach auf dem Tisch, er registrierte überdeutlich, wie perfekt ihre Nägel lackiert waren, wie gut sie einfach aussah.
„Mit deiner Ehe läuft es nicht so?“ fragte sie.
Verdammt, wieso antwortete sie nicht einfach auf seine Frage?
„Pippa, es gibt da grad jemanden?“
„Was willst du eigentlich?“
Sie starrten einander an, sie wussten beide die Antwort, sein Hals war trocken, er war angespannt, als er sagte: „Dich!“
Sag doch was, dachte er. Quälende Momente, in denen sie ihn einfach nur ansah mit diesem Blick, den er partout nicht mochte.
„Für wie lange?“ fragte sie schließlich. „Für heute Abend? Für eine Nacht oder auch zwei?“
„Du fragst das so, als ob.. als ob ich..“
„Für wie lange, Simon?“
Am liebsten für immer, würde er am liebsten genau jetzt sagen.
„Ich weiß es nicht“, antwortete er. „Ich weiß nur, ich will dich.“
Frag jetzt nicht nach Susann, dachte er, während sie ihn anstarrte. Sie fragte nicht. Sie fragte überhaupt nichts. Sie schaute ihn nur an, dieser verdammte undurchdringliche Blick. Sie nahm einen weiteren Schluck Wein.
Nicht reden, dachte er, lass uns gehen. Ich will dich anfassen, ich will dich ausziehen, ich will dich küssen, ich will dich überall streicheln und ich will, dass du das bei mir auch tust.
Sie betrachtete ihn, wie er da saß, und sie spürte, wie langsam die Nervosität von ihm abfiel. Offenbar hatte er gesagt, was er sagen wollte.
„Manchmal“, begann er erneut und dieses Mal bedeutend ruhiger, „da denke ich, ich will dich einfach nur bei mir haben. Wir müssen ja nicht mal was machen. Aber dass du da bist, neben mir sitzt, mir was erzählst, mir deine Musik vorspielst. Mir von deinem Tag erzählst. Dass ich nur den Arm ausstrecken müsste, um dich zu berühren, dich zu riechen, dich zu schmecken. Ich habe das nicht…“ Er unterbrach sich, trank von seinem Wein, schaute durch das Lokal, bis sein Blick wieder bei ihr hängenblieb.
Ihr Mund, oh Gott, ihr wundervoller Mund. Wie sie ihn geküsst hatte, überall, einfach überall.
Sein Handy klingelte, Susanns Bild erschien auf dem Display. Er sah es, sie sah es. Verdammt, verdammt, verdammt, wieso ausgerechnet jetzt und wieso musste er das Telefon so offen auf dem Tisch liegen haben?
„Willst du nicht rangehen?“ fragte Pippa ruhig.
Er antwortete nicht, er nahm das Handy und drückte auf den grünen Knopf: „Ja Susann?“ Einen Moment lang hörte er nur zu, er sprach nichts, bis er schließlich sagte: „Ja okay, ich bin morgen zurück und dann übernehme ich Luis. Ja. Nein, vor 17 Uhr nicht, ich habe erst 11 Uhr das Seminar. Gut.“ Er legte auf. Als er Pippa anschaute, lächelte sie. „Wie viel Zeit habe ich, mir die Stadt anzuschauen?“
„Wenn du willst, können wir gleich heute Abend damit anfangen.“
Er ließ die Rechnung kommen, er zahlte, sie gingen. Er hielt ihr die Tür offen und als sie an ihm vorbeiging, atmete er ihren wundervollen Duft.
Er genoss diesen Abend, der so ganz anders verlaufen war als er das heute Morgen noch gedacht hatte. Er genoss es, dass sie da war, dass sie bei ihm war, dass sie nichts fragte, nichts forderte, dass sie durch die Straßen liefen, in Fenster schauten, sich Anekdoten aus ihrem Leben erzählten, und irgendwann nahm er wie selbstverständlich ihre Hand.
So liefen sie weiter, bis sie müde wurden und ein Taxi zum Hotel zurück nahmen.
Er genoss es, wie sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte und die Augen schloss.
Er genoss es, sie im Arm zu halten, dass sie so nah war, dass sie da war.
Niemand sprach ein Wort, als er die Tür zu seinem Hotelzimmer öffnete, sie hinter ihnen beiden schloss. Keiner machte Licht, sie hatten sich, sie fühlten sich, das war genug.
Die Rastlosigkeit war längst von ihm abgefallen, doch hier, in diesem Zimmer, in diesem Bett, sein nackter Körper auf ihrem nackten Körper, da fand er endlich Ruhe. Endlich, endlich. Hier wollte er sein und grad nirgendwo anders. Bei dieser Frau, mit dieser Frau, in dieser Frau, und als er irgendwann neben ihr einschlief, spürte er nicht, wie sie aufstand, ihre Sachen zusammensuchte und leise die Tür hinter sich schloss.
Sie begegneten einander beim Frühstück. Sie sah ihm offen in die Augen.
„Hast du gut geschlafen?“
„Warum bist du gegangen?“
„Ich wollte uns Peinlichkeiten ersparen.“
„Peinlichkeiten?“
„Wann muss ich wieder im Hotel sein? Wie viel Zeit habe ich für Sightseeing?“
„Pippa…“
Sie lächelte.
„Machs jetzt nicht kompliziert.“
In diesem Moment fühlte er die Rastlosigkeit zurückkommen.