Sie hatte bereits so lange allein gelebt, dass sie daran gewöhnt war, für sich selbst zu denken, zu entscheiden, sich einzuteilen. Und sie war es gewohnt, dass abends, wenn sie nach Hause gekommen war, niemand mit ihr sprechen wollte.
Inzwischen empfand sie es als ausgesprochen wohltuend.
In einem kleinen Laden irgendwo in der Innenstadt begegnen einem immer Menschen, die mit ihr sprechen, die sie in Dialoge verwickeln, zu denen sie sich bemüht, auch wenn sie es eigentlich nicht möchte. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde, dass Umsätze zählten – und einmal mehr dachte sie an den winzig kleinen verstaubten Buchladen.
Mit einem Wandregal voller unterschiedlicher Bücher, einem Ledersessel, einem kleinen Tisch, und sie stellte sich vor, wie man in diesem Laden saß, in dem einen oder anderen Buch blätterte und sich einen Kaffee bringen ließ, während die alte Dame die Kaufbeträge mit fester Schrift sorgfältig in ihr kleines Buch eintrug. Schon möglich, dass dieser Laden nicht mehr geführt wurde, um Geld einzubringen und eine kleine Rente aufzustocken. Eher denkbar, dass dieser Laden nur noch aus Leidenschaft geführt wurde.
Geboren aus der Liebe zum Buch.
Und Pippa stellte sich vor, wie sie lieber hier stehen, Bücher über den Ladentisch reichen und einen Kaffee servieren würde.
Diese Atmosphäre liebte Pippa und als sie mit Richard diesen Laden betrat, hoffte sie auf irgendetwas, eine Art Zustimmung, eine Bestätigung ihrer Liebe zu diesem Laden.
Sie mochte es zumindest, wie unbefangen er mit der alten Dame sprach, interessiert das eine oder andere Buch aus dem Regal nahm, darin blätterte und sich nur zu gern über ein Gespräch darüber verwickeln ließ, ob diese neumodischen Minibibliotheken, die man heutzutage in jeder Handtasche herumtragen konnte, je dieselbe Leidenschaft zu einem Buch, je denselben Lesegenuss würden hervorrufen können.
„Sie haben völlig recht, das ist nicht dasselbe“, bestätigte er der alten Dame, während er Pippa ansah und lächelte, so als wolle er sagen: „Ach ja, unsere alten Herrschaften, wie süß.“
Sie ließ sich in den Sessel sinken, einen Kaffee bringen, spürte eine wohltuende Müdigkeit in ihren ausgestreckten Beinen und eine Zuneigung zu diesem Mann, dem sie so gern zusah, wenn er lächelte.
Und während die beiden redeten und leise lachten, lehnte Pippa den Kopf zurück und schloss für einen Moment befriedigt die Augen.
Und da war Simon.
Mit einem Mal. Völlig aus dem Nichts und mit der Frage, wie es ihm wohl gerade gehen mochte?
„Alles okay?“
Richard stand vor ihr, zu ihr geneigt, die Hand an ihrer Schulter.
„Äh… Ja natürlich, ich war nur… ich bin grad so herrlich entspannt.“
„Ich glaube, ich habe versehentlich den koffeinfreien Kaffee gekocht“, kicherte die alte Dame und Pippa lächelte. „Das wird es sein.“
Draußen vor der Tür griff er nach ihrer Hand.
„Ein schöner Laden“, bestätigte er.
„Ich freu mich, dass er dir gefällt“, antwortete sie, „ich liebe diesen Laden. Es gibt viel zu wenige von diesen Besonderen.“
„Wären sie denn noch besonders, wenn wir sie an jeder Ecke hätten?“
„Vermutlich nicht, nein.“
Unwillkürlich dachte sie erneut an Simon. Die Nacht in Berlin fiel ihr wieder ein. Die Nacht, bevor sie wusste, dass es keine Zukunft hatte. Seine Küsse auf ihrer Haut, ihrem Körper; die Selbstverständlichkeit, mit der er sie berührt und erkundet hatte.
Jetzt küsste er wieder seine Frau, jetzt berührte und erkundete er wieder seine Frau, und irgendwie.. tat dieser Gedanke weh.
Sie wäre gern allein.
Und sie war froh, dass Richard sie am Nachmittag verließ und nach Hause zurückkehrte.
Ich sollte noch nicht, dachte sie, ich kann irgendwie noch nicht. Vielleicht brauche ich einfach auch noch ein wenig Zeit.
Nur wenige Stunden später konnte sie die Stille in ihrem Zuhause nicht mehr ertragen.