Monat: Februar 2017

Chaos im Kopf

Sie hatte bereits so lange allein gelebt, dass sie daran gewöhnt war, für sich selbst zu denken, zu entscheiden, sich einzuteilen. Und sie war es gewohnt, dass abends, wenn sie nach Hause gekommen war, niemand mit ihr sprechen wollte.
Inzwischen empfand sie es als ausgesprochen wohltuend.
In einem kleinen Laden irgendwo in der Innenstadt begegnen einem immer Menschen, die mit ihr sprechen, die sie in Dialoge verwickeln, zu denen sie sich bemüht, auch wenn sie es eigentlich nicht möchte. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde, dass Umsätze zählten – und einmal mehr dachte sie an den winzig kleinen verstaubten Buchladen.
Mit einem Wandregal voller unterschiedlicher Bücher, einem Ledersessel, einem kleinen Tisch, und sie stellte sich vor, wie man in diesem Laden saß, in dem einen oder anderen Buch blätterte und sich einen Kaffee bringen ließ, während die alte Dame die Kaufbeträge mit fester Schrift sorgfältig in ihr kleines Buch eintrug. Schon möglich, dass dieser Laden nicht mehr geführt wurde, um Geld einzubringen und eine kleine Rente aufzustocken. Eher denkbar, dass dieser Laden nur noch aus Leidenschaft geführt wurde.
Geboren aus der Liebe zum Buch.
Und Pippa stellte sich vor, wie sie lieber hier stehen, Bücher über den Ladentisch reichen und einen Kaffee servieren würde.
Diese Atmosphäre liebte Pippa und als sie mit Richard diesen Laden betrat, hoffte sie auf irgendetwas, eine Art Zustimmung, eine Bestätigung ihrer Liebe zu diesem Laden.
Sie mochte es zumindest, wie unbefangen er mit der alten Dame sprach, interessiert das eine oder andere Buch aus dem Regal nahm, darin blätterte und sich nur zu gern über ein Gespräch darüber verwickeln ließ, ob diese neumodischen Minibibliotheken, die man heutzutage in jeder Handtasche herumtragen konnte, je dieselbe Leidenschaft zu einem Buch, je denselben Lesegenuss würden hervorrufen können.
„Sie haben völlig recht, das ist nicht dasselbe“, bestätigte er der alten Dame, während er Pippa ansah und lächelte, so als wolle er sagen: „Ach ja, unsere alten Herrschaften, wie süß.“
Sie ließ sich in den Sessel sinken, einen Kaffee bringen, spürte eine wohltuende Müdigkeit in ihren ausgestreckten Beinen und eine Zuneigung zu diesem Mann, dem sie so gern zusah, wenn er lächelte.
Und während die beiden redeten und leise lachten, lehnte Pippa den Kopf zurück und schloss für einen Moment befriedigt die Augen.
Und da war Simon.
Mit einem Mal. Völlig aus dem Nichts und mit der Frage, wie es ihm wohl gerade gehen mochte?
„Alles okay?“
Richard stand vor ihr, zu ihr geneigt, die Hand an ihrer Schulter.
„Äh… Ja natürlich, ich war nur… ich bin grad so herrlich entspannt.“
„Ich glaube, ich habe versehentlich den koffeinfreien Kaffee gekocht“, kicherte die alte Dame und Pippa lächelte. „Das wird es sein.“

Draußen vor der Tür griff er nach ihrer Hand.
„Ein schöner Laden“, bestätigte er.
„Ich freu mich, dass er dir gefällt“, antwortete sie, „ich liebe diesen Laden. Es gibt viel zu wenige von diesen Besonderen.“
„Wären sie denn noch besonders, wenn wir sie an jeder Ecke hätten?“
„Vermutlich nicht, nein.“
Unwillkürlich dachte sie erneut an Simon. Die Nacht in Berlin fiel ihr wieder ein. Die Nacht, bevor sie wusste, dass es keine Zukunft hatte. Seine Küsse auf ihrer Haut, ihrem Körper; die Selbstverständlichkeit, mit der er sie berührt und erkundet hatte.
Jetzt küsste er wieder seine Frau, jetzt berührte und erkundete er wieder seine Frau, und irgendwie.. tat dieser Gedanke weh.

Sie wäre gern allein.
Und sie war froh, dass Richard sie am Nachmittag verließ und nach Hause zurückkehrte.
Ich sollte noch nicht, dachte sie, ich kann irgendwie noch nicht. Vielleicht brauche ich einfach auch noch ein wenig Zeit.

Nur wenige Stunden später konnte sie die Stille in ihrem Zuhause nicht mehr ertragen.

You were the only thing in my life

Ab wann weiß man, dass die Begegnung eine besondere ist?
In den wissenschaftlich begründeten ersten vier Sekunden?
Nach der ersten gemeinsamen Tasse Kaffee?
Nach der ersten gemeinsamen Nacht?
Nach einem halben Leben?
Oder erst, wenn es zu spät ist?

Nach Hause kommen, wo die Stille atmet.
Nach Hause kommen und irgendetwas einschalten, das Radio, den TV, nur damit überhaupt irgendjemand redet. Die Stille durchbrechen.

Pippa betrachtet den Himmel über sich und die Menschen vor sich.
Es ist kalt und es geht ihr nicht gut.

Drei Tage und zwei Nächte

Vermutlich hatten sie in der folgenden gemeinsamen Zeit nicht viel mehr gesprochen als am ersten Tag ihres Wiedersehens. Aber irgendwie war das auch nicht mehr notwendig und auch nicht mehr wichtig.
Sie hatten sich und sie waren einander genug.
Sie genoss das Zusammensein mit ihm und er war froh, dass er nicht gegangen war.
„Sag mir einfach, was du willst, und eier nicht rum“, hatte er gesagt, „und wenns dir mit was nicht gut geht, dann ruf mich doch einfach an.“
„Bestimmt“, lächelte sie und strich ihm versonnen über die Brust bis hinab zu seinem Nabel und wieder zurück.
„Ich wusste es. Du willst nur meinen Körper“, neckte er sie.
„Natürlich“, antwortete sie.
„Ich mag an dir, dass du kein Programm abspulst“, sagte er. „Wenn ich da bin, bin ich da. Was zählt, ist das, worauf wir Lust haben. Du zwingst mich nicht, ein Wochenend-Bespaßungsprogramm mitzumachen. Es ist so.. stressfrei mit dir.“
„Sei doch ehrlich, dass eher du nur meinen Körper willst“, sagte sie, „du willst lieber rumvögeln als zum Beispiel mal eine Ausstellung zu besuchen.“
„Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich würde durchaus sehr gerne eine Ausstellung besuchen. Nur Sex ist mir dann doch zu wenig. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich dich gerne vögle. Du hast Spaß, du bist intensiv, das gefällt mir.“
„Okay, ich habs kapiert. Los, zieh dich an, ich will dir was zeigen.“

***

Susann meinte es wirklich ernst. Sie wollte die Paartherapie. Und Simon ließ sich darauf ein, wohl auch in der Hoffnung, sie müssten nur einige Termine überstehen und irgendwie würde sich alles weitere schon finden. Überhaupt auch hatte er sich vorgestellt, wenn sie diese Therapie wollte, dann wollte sie auch ihn, und dann würden sie bald zur Normalität zurückkehren, zu ihrem vorherigen Leben, ihrem Miteinander mit ihrem Sohn.
Er war nicht davon ausgegangen, dass Susann trotzdem auf getrenntem Wohnraum bestand, dass sie räumlich und finanziell alles so geregelt haben wollte, als bliebe die Ehe auf dem Papier und die Scheidung in naher Zukunft. Erst recht hatte er es sich nicht so vorgestellt, dass ihr Leben als getrennte Partner so weitergehen würde. Dass er weiterhin bei Curt wohnen würde, weil er doch glaubte, eines Tages wieder mit Susann zusammen zu wohnen.
Er saß einer Therapeutin gegenüber, deren Mimik er nicht entnehmen konnte, ob und inwieweit sie ihn vorverurteilte, was genau sie von ihm hören wollte und vor allem nicht, was man von ihm erwartete.
Er fühlte sich phasenweise bedrängt.
Er saß einer fremden Frau gegenüber, die in sein Innerstes vorzudringen gedachte, die seine Gedanken zutage fördern wollte, über die er nicht einmal mit Susann sprach.
Es mochte die zweite oder dritte Sitzung gewesen sein, als er mit einem Mal an Pippa dachte. Er stockte mitten im Satz und versuchte anschließend vergeblich, sich auf den soeben noch im Raum gestandenen Gedanken zu besinnen.
„Was denken Sie gerade?“ hakte die Therapeutin nach einem Moment der Stille nach.
„Was soll ich sagen?“
„Die Wahrheit.“
Natürlich. Die Wahrheit. Er saß in der Therapie, weil seine betrogene Ehefrau das so wollte, und er sagte hier, dass er gerade an eine andere Frau dachte.
„Die Wahrheit ist… ich habe vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.“
„Was hat Sie abgelenkt? So mitten im Reden?“
Das wusste er selber nicht. Wie kommt man dazu, in so einem Moment an eine andere Frau zu denken? An ihren Geschmack, ihren Geruch, ihre wilde Leidenschaft.
„Ich weiß nicht, ob das hier das Richtige ist“, sagte er zur Therapeutin und am Abend auch  zu Susann, nachdem er Luis ins Bett gebracht hatte.
„Du gibst schon jetzt auf? Nach den paar Terminen? Vögelst du wieder eine andere?“
„Nein! Aber ich halte einfach nichts davon, einer fremden Person alles von mir erzählen zu müssen. Die kennt mich überhaupt nicht und dich auch nicht. Wie soll so jemand uns helfen können? Wenn du was wissen willst, Susann, dann frag mich, ich sage dir alles. Aber doch nicht der!“
„Du willst es dir doch nur wieder zu einfach machen! Das war ja so klar! Fahr zur Hölle, Simon!“
Er zwang sich zur Ruhe. Er musste es versuchen, dass sie es auch ohne Therapie bereit war, ihrer Ehe eine Chance zu geben. Dass sie es ihn auf seine Weise beweisen ließ, dass er es ernst meinte.
„Ich frag mich, wozu das alles gut sein soll. Ich weiß, was ich falsch gemacht habe und warum. Ich weiß, warum es so weit gekommen ist. Dazu brauch ich diese Psychotante nicht. Dich brauch ich, Susann, dich! Wir brauchen Normalität, wir brauchen ein normales Leben. Ich will für dich da sein, für Luis, aber ich kann das nicht aus der Ferne. Wir machen hier getrennt weiter und gewöhnen uns dran und dann können wir mit der Psychoschnecke reden wie wir wollen, dann wird das alles nichts mehr.“
„Ah ja, und das stellst du dir wie vor? Dass du hier wieder einziehst und so tust, als sei nix passiert?“
„Susann, das ist auch mein Zuhause. Du fehlst mir, Luis fehlt mir. Ich will nicht nur dieser Wochenendpapa sein, gerade jetzt!“
„Ja schön, ist ja interessant, was du alles so willst! Frag mich doch mal, was ich will.“
„Und was willst du, Susann?“
„Vielleicht auch ein bisschen rumvögeln? Mit irgendwem, der mir gerade so gefällt?“
Sie provozierte ihn, so oft hatte ihn das schon früher genervt, gereizt und auch jetzt war er kurz davor, die Fassung zu verlieren.
„Dann mach das, Susann, ja, vielleicht habe ich das ja verdient. Dann geh du rumvögeln und ich bleib hier bei Luis.“
„Du glaubst doch selber nicht, was du da sagst.“
„Ich meins ernst. Wenn das der Preis ist, dass wir noch eine Chance haben, dann mach das. Hol dir deine Wiedergutmachung, ich habs verdient.“
Er glaubte selber nicht, was er da sprach. Vermutlich hätte er nur in diesem Moment alles Mögliche zugestanden, das ihn von diesen entsetzlichen Therapiestunden befreite.
Sie starrten einander an.
„Okay, dann bleib du hier und ich gehe aus.“
Sie provoziert mich, dachte er, und das dachte er noch immer, als sie die Tür zum Kleiderschrank öffnete und ein Kleid auswählte.
Das dachte er auch immer noch, als die nach gut drei Stunden zurückkehrte, nach Alkohol und Zigaretten roch. Doch allein der Gedanke, dass andere Männer sie begehrlich angeschaut, vielleicht angesprochen oder sogar angefasst hatten, den ertrug er nicht. Nur mühsam beherrschte er sich, als sie sich zu ihm setzte und sich mit einer Hand durch das Haar fuhr.
„Würdest du mich immer noch vögeln wollen?“ fragte sie.

 

Berührungsängste

Ein Videochat zählt nicht.
Ein Videochat ist ähnlich einem Wortwechsel via Nachrichtendienste: Man versteckt sich hinter dem geschriebenen Wort, man versteckt sich hinter einer Glaswand, untouchable, und man kann sich ohne Weiteres den Situationen entziehen, in denen man sich nicht wirklich wohl fühlt. Kurze, schmerzlose Verabschiedungen, bevor es peinlich würde.

Ihm nach den Wochen und vor allem den Gedanken gegenüberzustehen, die sie beinah täglich gepflegt hatte, errichtete eine Distanz zwischen ihnen, über die sie nur schwer hinwegfand. Nun stand er hier vor ihr, abwartend, aber entspannt, während sie spürte, wie sich die Muskulatur in ihrem Nacken verspannte und ihre Stimmlage um einiges höher lag.
„Ich würde gerne irgendwo was essen, wenn du eine gute Adresse weißt“, sagte er.
„Wo hast du eigentlich Günter gelassen?“ schaute sie sich für einen Moment suchend um.
„Bei meinem Bruder. Ich dachte, wir zwei würden uns ja vielleicht auch erst mal genügen.“
Sie lächelte, strich sich nervös eine Strähne aus den Augen, während ihre Blicke hektisch hin und her wechselten, ihre Gedanken sich überschlugen, in welche Lokalität sie ihn am liebsten mitnehmen würde.
„Was hältst du von Flammkuchen? Ich weiß einen sehr guten Laden, klein, aber sehr nett.“
„Klar, gern.“
„Hast du deinen Bus noch?“
„Nein. Du weißt doch, das Finanzamt. Mein Bruder hat mir seinen Wagen geliehen.“
„Macht man das? Sein Auto verleihen?“
Mein Gott, was rede ich nur, dachte sie, kaum dass sie zuende gesprochen hatte. Ich bin völlig dämlich, ich benehme mich wie eine dumme Gans und später werde ich mich nicht mehr wundern, dass er das Interesse verloren hat.
Statt einer Antwort zog er sie an sich, ganz nah, doch er küsste sie nicht, spontan ließ er sie wieder los: „Dann zeig mir mal deine Flammkuchen-Küche.“

Sie saßen sich gegenüber, die Gespräche zogen sich stockend dahin, immer wieder entstanden Pausen, in denen er sie anschaute und sie seinem Blick auswich.
„Ich dachte, die Pause wäre gar nicht so lang gewesen“, sagte er schließlich. „Was ist los?“
Sie hörte auf, weiter unnötig in ihrem Kaffee zu rühren und hob den Kopf.
„Es ist nichts los„, antwortete sie. „Ich muss mich nur erst wieder an dich gewöhnen.“
„Wollen wir noch ein Stück laufen?“ fragte er schließlich.
Ich würde jetzt lieber mit dir vögeln, dachte sie, so ein bisschen hemmungslos, damit ich aufhöre, mich so fremd zu fühlen und mit so einer fremden Stimme zu sprechen.
„Ja gut, können wir machen.“
Er betrachtete sie, als würde er jeden Moment aufstehen und ohne sie gehen wollen, doch dann winkte er der Bedienung: „Ich würde gern zahlen.“

Sie liefen nebeneinander her, er die Hände in den Hosentaschen, die ihre Hände in den Jackentaschen, die Gespräche gerieten wiederholt ins Stocken und sie vermochte es einfach nicht, dieses Eis zu durchbrechen.
Das Reden verblieb an der Oberfläche, dümpelte dahin und sie fanden einfach nicht den Weg zueinander.
Irgendwann blieb er stehen.
„Du… Wir müssen das hier nicht machen. Ich glaub, dir gehts nicht so gut mit dem Ganzen hier. Vielleicht sollten wir…“   „…zu mir gehen“, unterbrach sie ihn rasch. „Ich bin nervös. Du machst mich nervös. Wir haben uns ewig nicht gesehen und ich war mir auch nicht sicher, ob du dich noch mal meldest oder was ich überhaupt denken soll.“
Sie hatte so schnell gesprochen, dass sie nicht auch nur für eine Sekunde darüber nachdenken konnte, ob sie zuviel sagte oder nicht. Sie hatte einfach nur reagiert, für eine Zehntelsekunde erfasst, dass er bereit war, wieder nach Hause zu fahren, hatte in dieser Zehntelsekunde registriert, welch verlorene Zeit vor ihr liegen würde – und sie hatte noch innerhalb dieser Zehntelsekunde erkannt, wie wenig bereit sie dazu war, ihn jetzt und hier gehen zu lassen.
Sie lächelte unsicher, sie spürte selbst, wie ihr Mundwinkel zitterte.

Als sie neben ihm auf dem Sofa Platz genommen und das Glas Wein auf dem Tisch abgestellt hatte, dachte sie für einen Moment daran, wie das gewesen war, als sie ihn zum ersten Mal mit hierher genommen hatte. Wie sie schon während des Türaufschließens herumgeknutscht hatten, wild, leidenschaftlich, bereit für das Äußerste, und kaum war die Tür geschlossen, hatten sie einander die Sachen ausgezogen, es konnte alles nicht schnell genug gehen.
Und heute? Sie hatten sich kein einziges Mal berührt, geschweige denn geküsst und beide schienen sie unsicher in der Situation. Unschlüssig, wie sie miteinander umgehen sollten.
„Du hast mir gefehlt“, sagte sie schließlich matt.
Er lächelte.
Langsam wurde ihr wärmer – oder lag es am Wein?
Mehr sage ich jetzt nicht, ging ihr durch den Kopf, entweder er macht jetzt was draus oder kann von mir aus grinsend nach Hause fahren, dann ist es auch egal.
Und erst in diesem Moment fiel die Anspannung von ihr ab, entkrampfte sie sich, lehnte sie sich zurück, fiel sie in ihre gewohnte Tonlage zurück.
Als er sie auf seinen Schoß zog und sie seine Erregung unter sich spürte, klopfte ihr das Herz und sie begann sein Hemd zu öffnen.