Dieser Satz hätte Simon vor einigen Monaten eher Unbehagen bereitet.
Als er jedoch von Berlin zurückkehrte und Susann am Abend zu ihm sagte: „Lass uns mal reden“, da empfand er lediglich Überraschung.
„Ich habe mir so meine Gedanken gemacht“, fuhr sie fort. „Mag sein, dass es für dich so aussieht, als liefe für mich hier alles Friede-Freude-Trallala, aber so ist es nicht. Natürlich denke ich viel über uns nach.“
Sie setzte sich zu ihm, schaute ihn jedoch nicht an, legte die Hände in ihren Schoß.
„Ich weiß nicht, ob eine Paartherapie uns hilft. Ob uns das was bringt. Aber ich habe mich mal informiert und mir ein paar Adressen geben lassen. Wenn du willst“, jetzt schaute sie ihn an, „dann ruf dort an und mach für uns einen Termin. Ich bin flexibel in meiner Zeiteinteilung, du nicht.“
Er schwieg zunächst, immer noch überrascht.
„Es sei denn, du hast es dir anders…“
„Nein nein“, fiel er ihr ins Wort, „ich bin nur… überrascht. Ja, lass es uns versuchen. Ich will das wirklich.“
Er dachte an Pippa.
Wie sie roch, wie sie schmeckte, wie sinnlich sie war und wie… erregt. Er konnte sich nicht erinnern, wann das mit Susann je so gewesen war.
Aber hier ging es nicht um ihn und nicht um Pippa.
Es ging um seine Ehe und um seinen Sohn.
Von Pippa würde sie nie erfahren, das war sicher.
„Danke Susann.“
Es nahm ihm für den Moment eine Menge Probleme. Keine Anwälte. Keine Kosten. Keine nervige Wohnungssuche. Auch hier keine Kosten.
Es war für alle das Beste so. Vielleicht nicht das Einfachste. Aber das Beste.
Jedenfalls er sah das so.
Monat: Januar 2016
Believe Me Of This Heartache
„Lust auf einen Videochat heute Abend? Ich weiß ja schon gar nicht mehr, wie du aussiehst!“
Seine Nachricht las sie erst Stunden später, nachdem sie den Laden zugeschlossen hatte und den Weg hinunter zur Bahn lief.
Tagelang, wochenlang hatte sie ihr Telefon bewacht seit jenem Wochenende und sich geärgert über die wenigen knappen Mitteilungen. Das war nicht das, was sie brauchte, ohne dass sie ihm je gesagt oder gezeigt hätte, was sie denn brauchte.
Frauen sind manchmal kompliziert, und Pippa war es auch.
„Das muss von alleine kommen“, hatte sie zu Victoria gesagt, „sonst ist das nix.“
Nun hielt sie das Handy in der Hand, starrte auf die Nachricht und ihr erster Impuls schrie ihr die Antwort darauf förmlich entgegen: „Machs dir doch selber!“
„Du redest nicht mit ihm, aber spekulierst jeden Tag über seine Gefühle und Gedanken. Du machst genau das, wovon du anderen abrätst“.
„Vic, musst du eigentlich immer alles besser wissen?“
„Nein, immer nicht. Aber manchmal.“
Sie schob das Handy in die Tasche zurück und starrte aus dem Fenster, während die Stadt im gleichmütigen Zockeln der Bahn an ihr vorüberglitt.
Was war eigentlich ihr Problem? Sie hatten sich nichts versprochen. Sie waren beide frei und unabhängig. Sie gefielen sich und sie hatten Sex. Thats it. Nicht mehr und nicht weniger.
Sie stützte den Kopf auf, den Mund auf die Finger.
Vermutlich war es das Offene, mit dem sie schwer umgehen konnte. Das Nichtwissen darüber, ob und wie es weiterging. Er hatte sie beeindruckt, sie ihn offenbar nicht. Nicht so.
Da war Simon fairer. Er hatte gesagt, dass es nicht ging.
Simon.
Seit Berlin hatte sie kaum noch etwas von ihm gehört. Nachrichten schrieb er grundsätzlich nicht, und inzwischen wusste sie auch wieso.
„Wegen einer sms ist meine Ehe jetzt im Arsch“, hatte er gesagt, als sie in seinem Arm lag. „Na gut, nicht wegen der sms selbst. Aber sonst wäre ich heute an einem anderen Punkt. Aber okay… Ohne die sms wären wir beide heute auch nicht hier.“
Manchmal rief er kurz an, um Termine abzusprechen. Viel mehr hörte sie von ihm nicht, und sie fragte ihn auch nicht. Aber ihre gemeinsame Nacht war da, war präsent. Ja, es war schön. Und ja, es war vorbei.
Zu Hause angekommen, stellte sie erst ihre Waschmaschine an, spülte Geschirr und brachte ein wenig Ordnung in ihre kleine Wohnung.
Schließlich kuschelte sie sich doch auf ihr Sofa und schaltete den Computer ein. Öffnete Skype. Richard war online, aber schon eine Weile „abwesend“. Ihre Finger lagen auf der Tastatur, regungslos, unschlüssig.
Was sollte sie schreiben?
Wie formuliert man höflich, was sich in den letzten Wochen zu einer *Piep*-Wolke aufgebauscht hatte?
Was überhaupt wollte sie ihm vorwerfen?
Sie benahm sich kindisch, und jetzt, wo sie hier auf ihn wartete und die Anspannung von ihr abfiel, wurde es ihr umso bewusster.
„Also ich bin da. Falls nicht, wenn du kommst, dann mache ich mir nur gerade einen Kaffee.“
Ja, so klang es für sie am besten. Entspannt, unzickig und mit genug Distanz, falls er ihr jetzt Ähnliches wie Simon sagen wollte.
Er war eher zurück als sie und er lächelte sie an. Sie lächelte zurück und hob ihre Tasse in den Sichtbereich. „Na dann Prost! Himmel, ich hatte ja auch ganz vergessen, wie du ausschaust.“
„Ich bins – Richard“, grinste er, während er ebenfalls einen Schluck Kaffee trank und mit der anderen Hand seinen Hund streichelte.
„Richard… Richard… Ach DER Richard, ja okay, gut, jetzt weiß ichs wieder.“
Sie fand es im Nachhinein erstaunlich, wie viel Frust sich über die letzten fünf, sechs Wochen in ihr angesammelt hatte – und wie leicht er es vermochte, diesen Berg abzutragen. Als wäre er gar nicht wirklich da gewesen.
„Was war los bei dir?“ fragte sie irgendwann.
„Ach…“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, schaute blicklos durch den Raum. „Ne Menge Ärger. Finanzamt, Vermieter, Günter war krank. So Kram halt.“
Er sah wieder in die Kamera, lächelte sie an.
„Schön, dich wiederzusehen. Warst du mir treu?“ neckte er.
„Natürlich nicht“, antwortete sie, woraufhin er so herrlich breit lachte, dass es ihr beinah weh tat.
„Warum hast du nichts gesagt?“ fragte sie.
„Was denn?“
„Na von dem, was dich so plagt.“
„Du hast gesagt, ich soll mich melden, wenn ich wieder mehr Zeit hab. Hab ich gemacht. Hier bin ich.“
„Machst du immer das, was man dir sagt?“
„Sagst du immer das, was du nicht meinst?“
„Okay, der Punkt geht an dich.“
„Natürlich.“
Sie lachten beide.
„Und jetzt ist alles geklärt? Bei dir?“
„Na ja, im Großen und Ganzen schon. Mal schauen.“ Er blickte zur Seite auf seinen Hund. „Und Günter… Blasenentzündungen sind schon fies, vor allem, wenn sie sich so dahinschleichen. Aber im Moment scheint alles gut.“
Er sah wieder hoch.
„Und wie geht es dir? Was hast du gemacht ohne mich?“
„Tagsüber gearbeitet und nachts wild rumgevögelt, was sonst? War so langweilig.“
Er lachte. Was er wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass das nicht ganz die Unwahrheit war? Überhaupt… Was wusste sie schon von ihm? Was er in den Wochen getrieben hatte?
„So so.“ Er beugte sich dem Bildschirm entgegen. „Ich würde dich gern wiedersehen. So richtig.“
„Das trifft sich gut. Geht mir auch so.“
„Bei dir oder bei mir?“
I’ll Never Be The Same When You’re Gone
„Frau Rubin, die Werte schreien nach einer neuen Brille.“
„Ach tatsächlich?“
Pippa lächelt, steht auf und zieht sich die Strickjacke zurecht.
Sie schaut der jungen Frau zu, die eifrig Daten auf einem Zettel notiert.
„Ja. Aber das ist alles altersgerecht. So, hier ist der Beleg. Alles für den klaren Durchblick“, lächelt sie dann und schiebt Pippa den Zettel über den Tisch.
„Ach wissen Sie… Manchmal denke ich, ich möchte das eine oder andere gar nicht so deutlich sehen.“
Sie lächelt, nickt und verlässt den Behandlungsraum.
Draußen ist es Frühling geworden.
Frühling.
Sie liebt den Frühling, seit sie Kind war.
Sie liebt Tulpen und Kastanienbäume, das junge, frische Grün nach dem Aufbrechen der Knospen.
Sie liebt die warme Sonne auf ihrer Haut.
Sie liebt den Geruch nach Kaffee von irgendwoher und beschließt, sich einen davon mit in den anliegenden Park zu nehmen.
Hier haben sie so oft gesessen, zuletzt.
Pippa dreht den Kaffeebecher langsam in ihrer Hand.
Kaffee liebt sie noch immer genauso.
Noch immer trinkt sie viel zu viel davon, aber es ist niemand mehr da, der sie deshalb ermahnt. Niemand, der ihr wortlos, aber mit bedeutungsvollem Blick ein 0,5 Liter Glas hinstellt und befiehlt: „Los! Jetzt!“
„Du und deine Plürre“, hat sie oft gelacht.
„Ich und deine Gesundheit“, hat er geantwortet.
„Du mein Gesundheitsminister.“
Und jetzt ist niemand mehr da.
Er ist nicht mehr da.
„Manchmal hab ich Visionen“, hat er mal gesagt, „dann sehe ich dich und mich auf einer Bank sitzen. Wir sind alt geworden, aber wir lieben uns immer noch wie heute und wir streiten, weil ich das Brot verfüttern will, aber an die Enten, nicht an dich.“
„Du kannst ja Visionen haben“, hat sie geantwortet und von der Zeitung aufgeschaut, über ihre Brille hinweg.
„Wir hätten Kinder haben sollen, Pippa. Dann hätte ich jetzt andere Visionen.“
I’ve been missing your smile
and I wish You were here
and I’ll never be the same
when You’re gone.
Pippa steht auf und wirft den Becher in den Abfallkorb.
Sie geht, ohne sich umzudrehen.
It’s like desire that burns like the sun
„Ich versteh nur nicht, dass der Richard sich gar nicht mehr meldet“, sagte Victoria, während sie ihrem Sohn eine Scheibe Brot schmierte und die Rinde ringsherum abschnitt, das Brot in kleine Stückchen zerschnitt und ihm in den Mund steckte.
Pippa sah ihr dabei zu.
„Es ist nicht so, dass er sich gar nicht meldet“, antwortete sie langsam. „Es ist aber eben… nichts Echtes irgendwie. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Ich meine, wir hatten ein wirklich schönes Wochenende miteinander. Na ja gut, sagen wir, ein paar wunderbare Stunden, viel mehr wars ja am Ende nicht. Aber es war eben schön. Bis dahin hatten wir eindeutig mehr Kontakt. Oder auch mal Videochats. Davon gabs danach nur einen einzigen und er schien irgendwie nicht bei der Sache, schien, als hätte er es eilig. Da habe ich gesagt, er soll sich mal um sein Zeugs kümmern und sich melden, wenn er wieder Zeit hat.“
Victoria schaute zu ihrer Schwester hinüber, dann wieder zu ihrem Sohn.
„Hm okay. Ich kenne dich ja nun auch lange genug. Du bist manchmal eben auch.. ziemlich forsch. Wenn du mir sowas sagst, ohne dass ich dich kenne, würde ich vielleicht auch denken.. öhm okay… Bin ich ihr zuviel oder so.“
„Ach Quatsch. So fremd sind Richard und ich uns auch nicht mehr gewesen. Glaub nicht, dass das falsch zu verstehen war.“
Victoria lächelte: „Und ich glaube, dass es viel einfacher gewesen wäre, wenn du ihn einfach mal angerufen hättest. Ihm sagst, wo der Schuh drückt. Wer weiß, ob du dir dann die letzten vier, fünf Wochen nicht hättest sparen können. Blöde Quälerei.“
„Ach Vic… Du Harmoniesüchtige. Man steht noch ganz am Anfang von etwas, also vielleicht. Da sollte doch alles leicht und unbeschwert sein, oder etwa nicht? Man fängt doch nicht nach der ersten Nacht mit Diskussionen an. Nachher denkt er noch, er muss mich heiraten, nur weil wir miteinander im Bett waren.“
Victoria lachte.
„Ach Pippa. Sagst du nicht immer, man soll nicht für andere denken? Warum machst du das dann?“
„Weil es bei einem selbst immer was ganz anderes ist“, grinste Pippa zurück.
Aber ihr wurde augenblicklich leichter zumute. Was, wenn Vic recht hatte mit dem, was sie sagte?
„Und Simon?“ hakte Victoria vorsichtig nach.
Pippa zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen.
„Als ich ihn damals kennen lernte, dachte ich: Was für ein Schnösel. Nie hätte ich gedacht, dass wir beide mal im Bett landen. Aber er hat wenigstens den Anstand besessen, es ordentlich zuende zu bringen. Bevor es richtig weh getan hätte.“
„War es denn wenigstens schön?“
Pippa lächelte. Ihre Augen lächelten.
„Oh ja, das war es. Es war so… so… liebevoll fast und trotzdem leidenschaftlich. Schwer zu beschreiben.“ Sie schaute auf Victoria und den Jungen, der sie breit angrinste mit seinen vier Zähnchen. Sie lächelte zurück und sagte zu ihrer Schwester: „Und er hat den schönsten… na du weißt schon…“ Sie wurde rot und beugte sich zu ihrer Schwester vor, während der Kleine kreischte und begeistert in die Hände patschte: „Er hat den schönsten, den ich je gesehen und erlebt habe. Wirklich, ein schöner Mann, in jeder Hinsicht.“
Victoria kicherte.
„Na immerhin. Dann verbuch es als deinen schönsten One-Night-Stand. Du weißt, woran du bist, das hat ja auch sein Gutes. Trotzdem, ich bin für Richard. Ich glaub, das hat mehr Zukunft, wenn du mich fragst.“
Pippa lehnte sich zurück.
Hier in der Küche bei ihrer Schwester klang das alles so einfach.
Ob das aber auch die Realität war?
Boys & Girls
Sie war bereits am Nachmittag wieder zurückgefahren. Hatte spontan ein Bahnticket gekauft, das Hotelzimmer „aufgrund dringender Familienangelegenheiten“ für die zweite Nacht storniert, die Gebühren hingenommen und Simon nur eine kurze Nachricht auf dem Handy hinterlassen.
„Es tut mir leid, ich muss kurzfristig nach Hause, Familienangelegenheiten.“
Er wusste, dass das nicht stimmte – und sie wusste, dass er es wusste.
Erst als sie zu Hause war, die Tür hinter sich zuschloss und dagegen gelehnt blieb, sie langsam in die Knie rutschte, da begann sie zu weinen.
Scheiß verficktes Leben. Scheiß Liebe.
Noch vor drei Wochen war Richard hier, und sie hatte tatsächlich geglaubt, das hätte Potential.
Und nur drei Wochen und drei, vier spärlichen Nachrichten von Richard später hatte sie die Nacht mit einem anderen Mann verbracht, vor dem sie regelrecht floh, bevor der ihr sagte, dass es schön gewesen war, aber leider… das Leben halt!
Sie hatte so lange allein gelebt, so lange, dass es irgendwann nicht mehr weh getan hatte, sondern zur Bereicherung wurde.
Und dann begegnete sie in so kurzer Zeit zwei Menschen und keiner davon ertrug sie länger als eine Nacht?
Was war falsch an ihr?
Was machte sie falsch?
Wollte sie zuviel und hatte am Ende eben… nichts?
Andere Frauen gingen doch ständig mit irgendwem ins Bett und waren trotzdem nicht allein?
Wie lange sie dort auf den Dielen gelegen und geweint hatte, wusste sie später nicht mehr. Aber irgendwann kommt keine Träne mehr, irgendwann ist man leer geweint. Also stand sie auf, ging ins Badezimmer, setzte sich auf den Badewannenrand und ließ sich Wasser ein. Heiß, schön heiß.
Und als sie in der Wanne lag, rief sie Victoria an.
Vic, mein Anker, mein Seelentelefon, mein seriöses, diszipliniertes zweites Ich.
„Ach Pippa nee“, sagte die. „Mist, ich habs irgendwie geahnt.“
„Ja. Ich weiß. Aber es war trotzdem schön. Also ich meine…“
„Schon klar. Soll ich rüberkommen?“
„Nee lass mal. Du musst dich ja auch um deinen Sohn und deinen Mann kümmern. Ich bin okay. Ich musste nur… irgendwie mal mit jemandem reden. Danke, dass du zugehört hast.“
Pippa stieg aus der Wanne, legte sich „Boys & Girls“ von den Alabama Shakes auf, ließ alle Türen offen und bereitete sich in der Küche etwas zu essen. Sie war müde, draußen wurde es langsam dunkel und über der Stadt breitete sich Behaglichkeit aus. Ruhe und Gemütlichkeit. Zum Lesen war sie zu aufgewühlt, auf ihren Reiseblog hatte sie keine Lust, also legte sie sich auf ihr Bett und hörte so lange Musik, bis sie einschlief.
In der Nacht erwachte sie, stellte die Musik aus, schaute Nachrichten, Werbesendungen, alles mögliche, bis die Müdigkeit sie wieder überkam.
Als das Handy klingelte, zuckte sie zusammen. Es war halb drei Uhr morgens.
„Ich hoffe, es geht dir gut“, sagte Simon, „ich konnte nicht schlafen und dachte, ich schau einfach, ob ich dich erreichen kann.“
„Ähm… ja, alles okay.“ Sie rieb sich die Augen. „Und bei dir? Gehts gut mit dem Seminar?“
„Ich fand es schön mit dir, Pippa“, antwortete er. „War kein glücklicher Morgen, stimmts?“
„Hmm. Na ja. Nee, irgendwie nicht“, gestand sie schließlich.
„Weißt du… ich glaub, der Zeitpunkt ist grad irgendwie… eben nicht der richtige. Ich hab grad mit meinem eigenen Leben genug zu tun. Muss noch soviel ordnen, klären und so. Aber ich will eben auch nicht, dass du dich hingehalten fühlst oder so. Ich will nicht, dass du wartest und wartest und dann… Ich meine, ich muss mit mir selber erst mal klar kommen.“
„Ich versteh das, Simon“, sagte sie müde, mechanisch. „Du musst dich nicht rechtfertigen. Ich bin auch erwachsen, weißt du.“
„Ich weiß. Aber ich wollte, dass du weißt, dass… dass du mir… Du bist etwas Besonderes, Pippa. Auch wenn ich nie im Leben gedacht hätte, dass du und ich überhaupt jemals… Und jetzt ist einfach nur ein blöder Zeitpunkt..“ – „Ich weiß, sagtest du schon“, unterbrach sie ihn, unterdrückte ein Gähnen und rieb sich wieder die Augen. „Mach dir nicht so viele Gedanken, Simon. Ich bin ein großes Mädchen. Schlaf schön.“
„Du auch, Pippa.“
Sie legte sich wieder in ihr Bett, betrachtete das Telefon.
Wenigstens hatte er sich gemeldet.
Wenigstens hatte er versucht zu erklären.
Das änderte nichts an ihrer momentanen Verfassung.
Aber es änderte etwas an dem miesen Gefühl. So ein bisschen.
You better kiss me, before our time has run out
Sie wollte am Abend nicht allein sein.
Er wollte am Abend nicht allein sein.
Sie war frei.
Er war frei.
Glaubten sie beide.
Also nahmen sie sich an die Hand und erkundeten einen Winkel Berlins, den sie noch nicht kannten. Aßen Currywurst am Stand, kauften später ein Eis, redeten wenig und erzählten dennoch einander viel.
Er war der erste, dem sie von ihrer Großmutter erzählte, als sie gemeinsam auf einer Bank saßen und sie den Leuten zusahen, die hin und her eilten.
„Ich weiß nicht, ob ich es gut finden soll, dass sie tot ist und nicht erfahren hat, dass mein Opa nach Kriegsende noch mal da war, um sie zu suchen“, schloss sie. „Ich weiß nicht, was das mit ihr gemacht hätte.“
„Vielleicht nichts? Ich meine, dein Vater hat Recht: Es war Krieg. Es war eine scheiß Zeit für alle. Das wussten auch alle. Ich glaube, da hat sich keiner was vorgemacht.“
Sie schwieg, doch nach einer Weile lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. Einfach so.
„Vielleicht kannst du ihn ja suchen? Für sie? Für deine Großmutter? Wäre ja irre, wenn er tatsächlich noch lebt. Dann wüsstest du wenigstens, wer er ist. Wer dein Großvater ist.“
Er legte seine Hand auf ihre Hand. Einfach so.
„Lass uns gehen“, sagte sie irgendwann, und ihre Stimme klang so weich und zart, dass keine Fragen offen blieben.
Das war nicht dieselbe Leidenschaft wie mit Richard.
Aber es war ein Begehren, das unglaublich tief unter die Haut ging.
Die pure Sinnlichkeit, mit der sie einander entkleideten. Die Zeit, die sie sich dabei ließen, war so voller Begehren, dass sie jeden einzelnen Moment unglaublich bewusst in sich aufnahm. Keine Ungeduld verspürte, als er zunächst mit seinen wundervollen Händen über ihren Körper strich, sie überall küsste und entdeckte. Wie machte er das, dass sie sich unter seinen Händen so schön fühlte? Wie machte er das, dass er sie, ohne auch nur ein Wort zu sagen oder sie zu führen, dazu brachte, ihn überall zu berühren, ihn in den Mund zu nehmen? Dinge, die sie nie zuvor getan hatte. Und obwohl sie so völlig hingegeben war in dem, was sie tat, nahm sie beinah überdeutlich sein leises Stöhnen wahr und wie sich seine Hände lustvoll im Laken verkrampften.
„Du bist so schön“, sagte er leise, als sie auf ihm saß und er über ihre Brüste und ihren Bauch strich. Als sie sich zu ihm beugte, um ihn zu küssen, nahm er sie an beiden Armen und legte sie neben sich, legte sich auf sie und als er erneut in sie eindrang, schlang sie die Arme und Beine um ihn.
Es war, als klammerten sie sich beide in dieser Nacht aneinander, jeder stillte seine Sehnsucht nach Berührung, nach Körperlichkeit, nach Sex.
Sie war fasziniert von seinem Geruch, seinen großen Händen und dem großen, weichen Mund.
Er war fasziniert von ihrer Sinnlichkeit, ihrer Hingabe und ihrer Leidenschaft.
Der Morgen danach.
Der Morgen war still. So wie er. So wie sie.
Beide gingen sie vorsichtig miteinander um, zurückhaltend.
Es wird nicht gutgehen, dachte sie unwillkürlich.
Sie waren beide frei und sie gehörten einander nicht.
Dachten sie beide immer noch.
Dennoch war da wie ein Loch in ihrer Brust, nachdem sie gegangen war und die Tür hinter sich zugezogen hatte.
Er musste sich für das Seminar vorbereiten und sie stürzte sich in das Getümmel der Stadt.
Show Me Love
Sie war unschlüssig.
Berlin-Trip Ja oder Nein?
Eine Nacht würde in ihr Budget passen, zwei Nächte nicht unbedingt, und außerdem… Wann würde sie Richard wiedersehen? Er hatte sich kaum gemeldet, war zurückhaltend wie auch sie, und während das für sie zunächst auch völlig in Ordnung war, begann sie jetzt doch, mehr über mögliche Gründe zu spekulieren.
Immerhin war sie gut 7 Jahre älter als er: War sie ihm nun doch zu alt? War sie nun doch nicht diejenige, die er wiedersehen wollte? Hatte er es einfach mal ausprobieren wollen, wie das so war mit einer, die ein paar Jahre älter war?
„Sprich ihn doch drauf an.“
„Vergiss es, Vic. Wir hatten ein paar nette Chats, wir hatten ein schönes Wochenende. Wenn er es dabei belassen will, okay. Ich werde nicht jetzt schon anfangen, Grundsatzdiskussionen zu führen. Er will oder er will nicht. Fertig.“
Oder er will nicht. Fertig.
Verdammt, aber das tut weh.
Nach nur einer Nacht. Nach nur ein paar wundervollen Stunden.
Scheiße, ich will, dass es nicht weh tut.
Ich muss was tun, damit es nicht mehr weh tut.
Und so suchte sie die halbe Nacht lang nach einem passenden Hotel, buchte zwei Nächte und sagte Simon zu.
Wie lange sie sich nicht mehr gesehen hatten, wurde beiden erst bewusst, als sie einander gegenüberstanden.
Sie sah irgendwie… anders aus, fand er. Glücklich irgendwie. Oder?
Er war schmal geworden, fand sie. Gestresst sah er aus, aber irgendwie…
„Na? Wie gehts dir?“ fragte er, bevor er sie zur Begrüßung kurz umarmte.
Jetzt wusste sie, was ihr gefehlt hatte: sein Geruch. Ähnlich wie Richard: wenig Parfüm, mehr Mann, mehr Simon, mehr Körpereigenes. Aber ein besonderer Geruch, den ihre Sinne sofort aufnahmen und der ihr direkt in die Knie ging.
Das verwirrte sie.
So konkret hatte sie es nicht in Erinnerung gehabt.
Verdammt Richard, du bist schuld, wieso setzt du mich so auf Entzug?
„Mir geht es gut“, antwortete sie und bemühte sich um mehr Fassung. Und zu mehr Fassung gehört Distanz.
„So schaust du auch aus“, antworte er knapp, dann öffnete er die Wagentür: „Such dir einen Platz aus, wir holen unterwegs noch jemanden ab, dann gehts direkt nach Berlin. Sind heut nur zu dritt.“
Die erste gemeinsame Stunde blieb holprig. Da hatte man sich so lange nicht gesehen, so lange kaum miteinander geredet, dass sie einander beinah völlig fremd geworden waren und nun überlegten, ob man back to the roots wieder in der jeweils eigenen Welt versinken würde. Sie in ihrer Musik, er im Gespräch mit dem dritten Mitfahrer.
Als sie unterwegs einen Rastplatz ansteuerten, einen Kaffee orderten und darauf warteten, dass der Mitfahrer abgeholt würde, brach endlich das Eis.
„Was war eigentlich los bei dir?“ fragte sie.
„Meine Frau und ich, wir haben uns getrennt.“
„Oh….“
Da war doch was… Der Lippenstift-Scherz! Seine hektische Reaktion darauf.
„Ihr habt doch Kinder, oder?“
„Ja, einen Sohn. Müssen wir alles erst noch im Detail regeln. Aber wird schon.“
Sie betrachtete ihn. Wie er da so am Auto lehnte, die Beine verschränkt, die Arme verschränkt, aber die Haltung entspannt.
Darum war er so still geworden.
Darum war er so schmal geworden.
„Prost“, sagte sie und stupste an seinen Pappbecher. Als er aufschaute und sie anlächelte, war in genau diesem Moment etwas, das Kling machte.
Sie wandte sich ab und stieg ins Auto, begann, nach Musik zu suchen, während er draußen stehen blieb und in Ruhe den Kaffee austrank. Zeit genug, das Zittern der Hände zu beruhigen.
Du bist bekloppt, sagte sie sich, du bist mehr als bekloppt, wenn! Ich bin einfach nur untervögelt. Los Richard, melde dich endlich! Es war doch gut zwischen uns! Oder nicht?
Rollin‘
„Du hattest Sex! Gestehe! DU HATTEST SEX!“
Victoria lachte ungläubig.
„Es ist unfassbar, dass man dir das SO ansieht.“
„Ach echt? Wie sehe ich denn aus?“
„Entspannt“, reagierte Victoria spontan. „Irgendwie… völlig entspannt. Und du lächelst die ganze Zeit. Wer ist er? Wie heißt er? Doch nicht etwa der Verheiratete?“
„Der Verheiratete?“
„Na der, mit dem du ne ganze Zeitlang immer mal mitgefahren bist. Weiß nicht mehr, wie der hieß.“
„Ach du meinst Simon. Um Gottes Willen, wie kommst du denn auf den?“
„Na das ist der einzige, von dem du überhaupt mal was erzählt hast. Sonst erfährt man ja nix von dir.“
Pippa löffelte den obersten Milchschaum vom Kaffee und rührte den Rest genüßlich unter.
„Nee ach, von Simon hab ich auch ewig nix mehr gehört. Der hat irgendwie Eheprobleme und ist schon ne Weile nicht mehr unterwegs gewesen. Jedenfalls keine längeren Strecken, so dass ich da hätte mitfahren können. Außerdem… Was will ich mit einem verheirateten Mann? Bringt doch bloß Ärger.“
„Stimmt“, pflichtete Victoria bei. „Also. Wer ist dann dieser geheimnisvolle Mann, der es bis ins Bett meiner Schwester geschafft hat?“
„Wieso in mein Bett? Vögeln kann man doch überall.“
Victoria prustete und schlug sich zugleich die Hand vor den Mund.
„Habt ihr nicht, oder? Also ich meine, nicht irgendwo, oder?“
Pippa lehnte sich zurück und betrachtete ihre Schwester liebevoll.
„Na gut, nein, diesmal nicht. Er war übers Wochenende bei mir.“
„Diesmal nicht? Das heißt, ihr seht euch wieder?“
„Ich hoffe es doch mal.“
Sie dachte an das zärtliche Wochenende mit Richard. Dass der Morgen danach kein Morgen mit Fremdeln, falscher Scham oder auch nur irgendetwas Befremdendem begonnen hatte. Sondern ganz natürlich, als hätten sie schon öfter miteinander das Bett geteilt. Sie hatten zusammen geduscht und sie hatte sich an seiner Erektion berauscht, daran, dass er und wie er immer wieder Lust auf sie hatte.
Sie hatte Kaffee zubereitet, „Mehr hab ich leider nicht da, ich hab vergessen einzukaufen“, und er hatte sie fotografiert, wie sie da stand, halbnackt, barfuß, dann war er zu ihr gekommen und hatte sie auf die nackte Schulter geküsst: „Lass uns irgendwo hingehen zum Frühstücken.“
Erst gegen Mittag waren sie aus dem Haus gekommen, hatten irgendwo eine Kleinigkeit gegessen und waren durch die Straßen gelaufen, bis er auf die Uhr schaute: „Ich mach dann mal wieder los, hab versprochen, Günter bis sechs Uhr abzuholen.“
Sie dachte an die zwei Nachrichten, die er ihr seit dem Abschied geschrieben hatte.
Zwei Nachrichten in drei Tagen. Das war nicht viel. Er machte es spannend, der Junge. Und Pippa hielt sich ebenso bedeckt. Großartige Gefühlsbekundungen waren ohnehin nicht ihre Sache. Die würden sie ohnehin nicht beeindrucken, sondern eher misstrauisch machen.
Als ihr Handy klingelte, vermutete sie also zunächst Richard und nahm das Telefon aus der Tasche.
„Das ist Simon“, sagte sie verwundert zu Victoria. „Ist es okay, wenn ich kurz rangeh?“
Als Victoria nickte und ihren Tee trank, wandte Pippa sich ab: „Hallo Simon, das ist eine Überraschung!“
„Hey Pippa. Wollt nur sagen, dass ich in zehn Tagen nach Berlin muss. Für drei Tage. Ein Seminar, da komm ich leider nicht raus. Wenn du willst, komm doch mit, ich schalte aber noch ne Anzeige für Mitfahrer.“
„Wann genau wäre das?“
Er gab ihr die Daten durch, sie notierte es sich auf der Serviette und versprach, ihm später Bescheid zu geben.
„Schon komisch, oder?“ sagte sie, während sie ihr Telefon wieder in die Tasche gleiten ließ. „Da hört man wochenlang nix von dem und kaum…“
Victoria betrachtete sie überrascht: „Was willst du mir damit sagen?“
„Ach nichts. Vergiss es.“
****
„Wir müssen eine Lösung finden, Susann. Ich kann nicht ewig in der Studentenbude wohnen, so kann ich nicht arbeiten. Ich MUSS aber vernünftig arbeiten können, denn da hängt unsere Existenz dran.“
„Und was genau willst du jetzt von mir? Was erwartest du von mir?“
„Wir müssen eine Entscheidung treffen, wie wir weitermachen wollen. Zur Paartherapie hast du dich immer noch nicht geäußert und seit Wochen läuft alles so dahin… Irgendwie ohne Ziel. Wir hängen alle in der Luft, das geht so nicht weiter.“
„Ich nicht“, widersprach sie. „Und Luis auch nicht.“
„Stimmt. Weil ihr in der Wohnung lebt und die vom gemeinsamen Konto bezahlt wird. Soll das jetzt immer so weitergehen? Ist das jetzt der Weg?“
„Habe ich fremdgefickt oder du?“ giftete sie.
„Dafür habe ich die Verantwortung übernommen, mich tausendmal entschuldigt und dich darum gebeten, dass wir eine Lösung suchen. Dass ich bereit bin, mit dir eine Therapie zu machen. Dir gesagt, dass ich alles tun würde, um euch nicht zu verlieren. Aber das heißt doch nicht, dass ich jetzt hier wochenlang zwischen den Seilen hänge und nicht weiß, wie es weitergeht. Susann, mein Job hängt da dran. Und mal ehrlich: Willst du so leben? Ohne dass wir die Chance haben, das zwischen uns zu klären?“
„Was will ich denn noch klären? Du hast deine Assistenzmaus gevögelt, wer weiß wie oft, du bist danach zu mir ins Bett gekrochen und ich weiß nicht mal, ob du wenigstens schlau genug warst, Kondome zu benutzen.“
„Du hast mit allem recht. Dann sag mir, dass es das war mit uns, dass du keine Chance mehr siehst, aber dann müssen wir auch die Konsequenzen ziehen. Dann nehme ich mir eine eigene Wohnung, ziehe aus und dann teilen wir das Konto, dann soll jeder seins haben. Für Luis komme ich natürlich auf.“
Susann schwieg.
Sie hatte ihn zu lange hingehalten, hatte zu lange gewartet. Nun begann er, ihr die Zügel aus der Hand zu nehmen, und sie war sich nicht nicht im Klaren darüber, wie sie damit umgehen wollte.
We Won’t Have To Be Lonesome Tonight
Neben ihm ist alles so leicht, dachte sie, während sie neben ihm saß, lachte, erzählte, das Glas Wein ein ums andere Mal zum Mund führte und sich dessen sehr bewusst war, dass er sie dabei betrachtete.
Es war spät, als sie das Lokal verließen und er zu ihr sagte: „Ich hab Lust, noch irgendwohin zu gehen. Bisschen tanzen vielleicht. Magst du tanzen?“
„Mögen ja, aber ich kanns nicht“, gestand sie freiweg. „Ich kenne demzufolge nur zwei Läden hier in der Stadt. Oder warte!“ sprudelte es aus ihr heraus, „Karaoke! Ich kenne eine Karaoke-Bar! Hast du Lust?“
„Nur wenn du singst und ich dich anfeuern darf.“
„Dann muss ich mir vorher noch etwas mehr Mut antrinken.“
Sie spürte, wie erhitzt ihre Wangen waren, sie spürte, dass dieser Abend irgendwie etwas Besonderes hatte und beinah war sie sich sicher, dass er weder in seinem Bus übernachten, geschweige denn jetzt noch nach Hause fahren wollen würde.
Die Karaoke-Bar war brechend voll, auf der winzigen Bühne mühten sich einzelne Sänger mit schiefen und falschen Tönen – und sie fand das toll. So musste das sein! Wer wollte schon Gesangstalente?
Sie hob die Arme, sie sang, sie pfiff auf zwei Fingern und als er sich mit den Cocktails durch die Menge zu ihr schlängelte, blieb er vor ihr stehen, gab die Gläser irgendwem und küsste sie auf den Mund.
Es war dieser eine Moment, in dem sie versank.
In der Umarmung, in dem Kuss, in seinem Geruch aus Mann, schwachem Parfüm und einer nicht zu festen, aber doch sehr bestimmten Umarmung.
So war sie viel zu lange nicht mehr geküsst worden.
Es war vier Uhr morgens, als sie die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss, hinter ihm wieder verschloss und sich gegen die Tür lehnte, während er sie küsste und erst die Jacke, dann die Bluse, die Jeans, einfach alles von ihr streifte, während ihre Finger ungeduldig seinen Pulli und sein Shirt über den Kopf streiften, ebenso ungeduldig an seinem Gürtel zerrten. Da gab es keine Hemmungen, keine Hemmnisse, keine Scheu, keine Gedanken an Gestern und nicht an Morgen. Nur flüchtig dachte sie daran, ob es besser gewesen wäre, sich noch einmal frisch gemacht zu haben, doch dieser Gedanke verlor sich beinah sofort wieder, weil er weder Scheu noch Berührungsängste noch sonst irgendwelche Anzeichen zeigte, die sie auch nur irgendwie hätten verunsichern können. Sie wollten einander, so einfach war das.
„Mein Gott, bist du ausgehungert“, keuchte er und dann lachte er kurz auf, als sie ihn von der Wohnungstür weg in ihr Zimmer zog. „Du weißt aber auch genau, was du willst.“
Tiere.
Wir sind wie Tiere, dachte sie, ausgehungerte Tiere, die übereinander herfallen, sich die Klamotten vom Leib reißen, ihre Fingernägel in seine Haut gruben, während er sie endlich vom letzten Kleidungsstück befreite und sie unter sich begrub. Diese Spannung, bevor man endlich ineinander sinkt, diese gottverdammte Anspannung, während der Körper beinah verkrampft und man an nichts anderes mehr denken kann und nur noch denkt: Jetzt lass es doch endlich passieren!
Und endlich, endlich war es soweit, endlich spürte sie, wie er sich in ihr bewegte, wie sich ihr Unterleib beinah schmerzhaft zusammenzog vor dem ersten Orgasmus. Den er gekonnt verhinderte, indem er sich von ihr löste und sie sich auf den Bauch rollte wie eine schnurrende Katze. Beinah sofort war er wieder über ihr, in ihr, und beinah sofort kam sie.
„Ich glaub, ich muss das mit der stolzen Burg noch mal überdenken“, scherzte er viel später leise, als sie nebeneinander lagen, ganz nah beieinander, er auf dem Rücken, sie auf dem Bauch, und ihre Hand lag oben neben seinem Hals, wo sie das Pulsieren seines Herzschlags fühlte.
„Musst du?“
„Vermutlich. Du bist eher… Als ich dich das erste Mal im Chat sah, dachte ich doch echt, das wird schwierig mit uns. Schwierig für mich, deine sieben Schlösser zu öffnen.“ Er lachte leise und hielt sie für einen Moment fester an sich gedrückt. „Aber jetzt… Puh. Das war… Ich hätte das hier nicht erwartet.“
„Ist das jetzt gut oder schlecht für mich?“
Er beugte sich über sie, während sie die Augen schloss und seine zarten Küsse auf ihren Schultern, ihrem Hals und an ihrem Ohr genoss.
„Es macht Lust auf mehr.“
Sie rollte sich auf den Rücken und während er zwischen ihre Beine glitt, liebten sie sich erneut. Ruhiger. Zärtlicher. Ausgiebiger. Anders – aber genauso schön.
How we gonna move together?
…so come closer.
„Wenn du willst, komm ich dich am Wochenende besuchen.“
Richards Worte wie eingemeißelt im Nachrichtenfeld ihres Handys. Seine Worte wie eingemeißelt hinter ihrer Stirn.
Worte, die sie den ganzen Tag über begleiteten.
Dem ersten Videochat waren mehrere gefolgt, manche kurz und knapp, manche eine halbe Nacht lang.
„Ein bisschen hab ich Angst vor dir“, neckte er.
„Echt? Wieso?“
„Du bist so… Du kommst mir vor wie eine stolze, schöne Burg mit sieben Schlössern. Kühle Fassade nach außen, aber ich glaub, dahinter werden das ganze Jahr lang Osterfeuer abgebrannt.“
Er lachte und trank einen Schluck aus der Kaffeetasse.
Sie mochte, dass er Kaffee zu jeder Tages- und Nachtzeit trinken konnte. So wie sie auch.
Und so waren sie eines Tages an den Punkt gekommen, dass er vorschlug, aus der bisher virtuellen Begegnung eine reale zu machen.
Und sie sagte Ja.
Und dann stand er vor ihr. Am Samstagnachmittag kam er zu ihr in den Laden. Stellte sich einfach hin und sagte „Hallo“, als wären sie einander schon hundertfach begegnet.
Es war dieses Lächeln, das sie so faszinierte. Diese schönen, geraden Zähne, das halbe Gesicht versteckt hinter einem gepflegten Dreitagebart.
„Du bist zu früh“, versuchte sie von ihrer Nervosität abzulenken.
Grundgütiger, wieso sagt man überhaupt so dämliche Sachen, wenn man nervös ist? Wieso überhaupt ist man nervös? Es konnte nichts passieren. „Ich schlaf in meinem Bus und nicht in deiner Wohnung, wenn ich dich nicht mag“, hatte er sie geneckt.
„Ich dachte, ich schaue mal, wie du bei Tag aussiehst. Ich seh dich ja immer nur im Halbdunkel deines Zimmers oder in deinen Reiseblogs. Und ich wollte wissen, ob du bei Tag genauso aussiehst wie am Abend.“
Sie wusste, sie hatte schon besser ausgesehen.
Dass das Haar nicht lag – egal. Wozu konnte man sich das zu einem Knoten winden?
Aber es gab Tage, da fühlte sie sich älter, zerknautschter, wähnte sie die Augenringe tiefer und die kleinen Falten um die Augen herum deutlicher.
So ein Tag war heute.
Und nun stand er auch noch vor ihr, im fiesen Licht der Spots.
Blöder konnte es für sie nicht laufen – oder lag es an dem Wissen, dass er einige Jahre jünger war als sie und sie sich nun deutlich älter fühlte?
„Cooler Laden“, bemerkte er, dann lächelte er sie wieder an.
„Ich schau mich mal bisschen in der Stadt hier um. Wie lange brauchst du noch?“
Sie sah auf die Uhr. „Drei Stunden bis Ladenschluss, dann aufräumen, Kasse machen… Vor 19 Uhr kann ich nicht raus hier.“
„Ach, ihr habt nicht bis 20 Uhr?“
„Nein, glücklicherweise nicht. Dafür danke ich jeden Samstag meiner Chefin, an dem ich arbeiten muss.“
Sein Blick ruhte auf ihr.
„Gut, dann mach ich mal los. 19 Uhr wieder hier, okay?“
„Okay.“
Er war längst schon gegangen, doch ihre Hände zitterten immer noch.
Es war das erste Mal seit langem, dass sie vor einem Date so aufgeregt war.
Und sie genoss dieses Gefühl.