Monat: Mai 2015

Unbekannte Wege

„Ich kanns nicht.“
Susanns Hände lagen in ihrem Schoß. Sie trug ihren Ehering nicht mehr, schon eine ganze Weile nicht mehr.
„Natürlich frage ich mich auch, ob wir das Luis antun sollten. Ob wir es nicht wenigstens versuchen sollten zu überwinden. Aber dann…“ Sie hob die Schultern, ließ sie wieder fallen. „Wenn du nicht da bist, klar, dann vermisse ich dich. Wobei… Vielleicht nicht mal dich. Vielleicht ist es das Leben von früher, das ich vermisse. Dass man nach Hause kommt und alles ist in Ordnung. Du bist da, Luis ist da, man isst zusammen, schaut fern oder redet über den Tag. Normalität halt, ja, die fehlt mir.“
Sie schaute ihn an.
„Aber wenn du dann da bist, wenn ich dich sehe… Dann denke ich ständig, mit den Händen hast du die andere berührt. Mit dem Mund hast du die andere geküsst, überall wahrscheinlich. Mit der Zunge… ach lassen wir das.“
Er wagte nichts zu sagen. Er wollte sie reden lassen, damit sie überhaupt etwas sagte. Damit sie mit ihm sprach. Solange ein Dialog da war, das redete er sich immer wieder ein, war noch nichts verloren.
„Jeden Tag würde ich mich fragen, ob du mit der anderen heimlich weiter im Büro rummachst. Jeden Abend würde ich mich fragen, ob du wirklich noch arbeitest oder bei der anderen bist.“
Er schwieg immer noch. So vieles wollte er sagen, einwenden, aber er schwieg.
„Ich kann dir nicht mehr vertrauen, Simon. Ich kanns einfach nicht mehr. Und ohne Vertrauen… hat unsere Ehe sowieso auch keine Chance.“
„Ich will keine andere Frau“, sagte er endlich. „Du kannst mich tausendmal fragen, warum, wieso, ich verstehe mich selber nicht mehr. Aber ich kann es eben auch nicht mehr rückgängig machen. Ich kann dich nur bitten, uns Zeit zu geben. Dass ich dir zeigen, dir beweisen kann, dass du und Luis für mich das einzige sind. Aufgeben… kann man dann immer noch. Aber jetzt? Ich weiß, ich kann nichts von dir verlangen, nichts von dir erwarten. Ich kann dich nur bitten. Und warten, wie du dich entscheidest.“
Sie sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, das so zu sagen. Sie kannte ihn lange genug. Er, der Macher. Er, der agierte, nicht reagierte.
„Ich kann dich nicht ertragen, Simon. Ich halts nicht aus neben dir. Und ich weiß nicht, wie wir so eine Chance haben sollen.“
„Lass es uns versuchen, bitte.“
„Wie? Wie soll das denn gehen?“
„Ich hab keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich es will. Dass ich dich will. Dass ich nicht will, dass unsere Familie kaputtgeht. Und wenn wir beide nicht wissen, wie das jetzt funktionieren kann, dann lass uns… eine Paartherapie machen.“
Darüber hatte er lange nachgedacht, seit Curt diesen Gedanken ausgesprochen hatte. Er selber hätte diese Möglichkeit niemals erwogen, von sich aus niemals gewollt und auch nicht angeboten.
„Junge, das geht nicht nur nach dir. Wenn du Susann zeigen willst, dass es dir ernst ist, musst du bisschen mehr bringen als tausend Versprechen und jede Woche einen Strauß Rosen schicken. Dann musst du eben auch mal Sachen machen, die du eigentlich nicht willst. Sowas wird sie überzeugen.“
Er hatte sich vorgestellt, wie sie irgendwo sitzen würden, vor einer fremden Person ihr Intimstes ausbreiten würden. Das konnte er sich nicht vorstellen. Was ging einen fremden Menschen sein Leben an?
Genau genommen hatte er den Entschluss, es vielleicht doch auf diesem Weg zu versuchen, in genau dem Moment gefasst, als er hier mit Susann saß und redete. Als er das Gefühl bekam, dass nicht unbedingt alles verloren sein mochte, wenn man nur wusste, wie man es anfangen sollte.
Er sah, wie überrascht Susann von diesem Gedanken war. Dass dieser Vorschlag von ihm kam.
„Ich denk drüber nach“, sagte sie knapp.
Sie hielt die Zügel in der Hand, das war beiden bewusst. Und sie dachte nicht daran, sich diese hier und jetzt aus der Hand nehmen zu lassen. Wenn es die Scheidung verhinderte, dann war er damit einverstanden.