Impulse

„Schreib mir doch einfach über meine E-Mail. Im Kontaktformular, rechts unten. Dann erzähl ich vielleicht auch bisschen mehr.“
Und ein paar Tage später schrieb R Punkt.
Richard. R Punkt heißt also Richard, Single, ledig, keine Kinder.
„Wenn er jetzt auch noch bei Mutti wohnt, schrei ich“, murmelte sie.
Puh nee. Nicht bei Mutti, er wohnte allein. Allein mit einem Hund. „Mann mit Hund, okay, nicht schlecht, die sollen ja sehr fürsorglich sein“, kommentierte sie zu sich selbst das Gelesene und trank nebenbei einen Schluck Wein.
Angestellter einer IT-Firma.
„Oh Gott, ein Nerd!“ – noch einen Schluck Wein.
Insgesamt jedoch lasen sich seine Zeilen sympathisch.
Pippa begann zu schreiben, vorsichtig, zurückhaltend.
Er antwortete prompt.
Himmelherrgott – hing der eigentlich ständig im Netz? Also doch ein Nerd?
Vor ihrem Auge entstand ein Bild. Vermutlich war er groß, dünn, schwarzhaarig, Brille sowieso und vermutlich wirkte er nur im Schreiben so sicher. Im Realen war er vermutlich ein nervöser Mann, vielseitig belesen, weil er sich nachts lieber im Netz rumtrieb und las?
Dann jedoch lachte sie über sich und mahnte sich zur inneren Ordnung.
Gerade sie verwahrte sich doch stets dagegen, Menschen vorzuverurteilen, die man gar nicht kannte. Menschen vor allem, die man noch nicht einmal gesehen oder gehört hatte.
In den folgenden Tagen entstand ein reger Mailwechsel, den Pippa so wohl nicht erwartet hatte, der ihr aber zunehmend Spaß machte. Sie ertappte sich, dass sie, sobald sie auf „Nachricht senden“ klickte, bereits auf die Antwort zu warten begann.
Sie verlegten sich beide so auf das Schreiben, dass sie irgendwann in das Chatprogramm wechselten und oft halbe Nächte lang schrieben.
Auch begann sie sich recht bald zu fragen, wer er wohl sein mochte, wie er wirklich aussehen mochte. Statt von sich schickte er ein Foto von seinem Hund. Ein mittelgroßer schwarzer Hund mit kurzem Fell und treuen braunen Augen.
„Wie heißt er?“ schrieb sie. „Günter“, schrieb er und sie lachte ungläubig. Günter?
Ein Mann mit Hund namens Günter.
Nun ja.
Jetzt fehlte tatsächlich nur noch das Foto von Richard. Wahrscheinlich sah er ganz anders aus als sie sich das vorgestellt hatte. Wahrscheinlich war er eher klein, untersetzt, spärliches Haar und feuchte kalte Finger. Brrrr. Irgendwie war es doch immer so gewesen: Sobald ihr die Vorstellung von einem Menschen zu gefallen begann, stellte sich heraus, dass dieser so ganz anders war.
Dann doch lieber nicht nach einem Foto von Richard fragen. Dann doch lieber noch eine Zeitlang die Illusion aufrechterhalten, die sich in ihrem Kopf festgezimmert hatte. Und bloß nix erwarten!
Dafür fiel ihr ein, dass sie schon länger nichts mehr von Simon gehört hatte. Nach einem Check ihres Kontostandes griff sie zum Telefon und rief ihn an.
Sie erreichte ihn irgendwann am frühen Abend.
„Hey, ich hab schon länger nichts mehr von dir gehört. Stör ich grad? Alles okay bei dir?“ Zugegebenermaßen war ihre Frage eher die Höflichkeit und wiederum Simon nicht der Mensch, der auf solche Fragen ehrlich antwortete.
„Ja, passt schon.“
Er wirkte gestresst, vermutlich war er zwischen zwei Terminen, wie immer halt.
„Ich wollte nur mal fragen, wohin deine nächste Reise geht und ob ich mich anschließen kann. Ich glaub, ich muss mal wieder raus hier.“
„Ähm Pippa…“ Er machte eine kurze Pause, sie hörte Rascheln, der Terminkalender?
„Ich mache zur Zeit keine Dienstfahrten.“
„Ah… Okay. Kein Thema.“
„Das heißt, ich weiß noch nicht, wann ich in nächster Zeit wieder längere Reisen mache. Zumindest keine über Nacht.“
Wie auch immer sie darauf gekommen war, das wusste sie später nicht zu beantworten, aber spontan fiel ihr der Scherz mit dem Lippenstift wieder ein. Wie erschrocken er gewesen war.
„Ist wirklich alles okay? Krank bist du nicht, oder?“ fragte sie vorsichtig nach. „Muss ich mir Sorgen machen?“
Er schien zu lachen. „Krank? Nein, nein, ich bin nicht krank, alles gut. Ich melde mich mal die Tage, okay?“
„Klar. Kein Problem.“
Sie legten auf.
Pippa lehnte sich zurück, streckte die Beine aus, drehte das Glas Wein in der Hand.
Dann pfiff sie durch die Lippen: „Um mich herum lebt alles, nur ich, ich versauer hier irgendwie.“
Sie öffnete das Chatprogramm. Richard war noch online. Natürlich.
„Wollen wir was trinken gehen? Wobei… Mir fällt gerade ein: Wo wohnst du eigentlich?“
Viel zu weit weg, wie sich herausstellte. Zu weit für ein gemeinsames Glas Wein.
„Wir könnten ja videotelefonieren. Dann können wir uns wenigstens zuprosten“, schlug er vor.
Sie zögerte.
Wie war das noch mit dem Aufrechterhalten der Illusionen?
Ach was solls. Hier gings um einen netten Chat-Kontakt, das hier war keine Partnerbörse.
Ein dunkles Kamerabild erschien, bis es sich aufhellte. Und da war Richard.
Er war ganz anders als in ihrer Vorstellung.
Sie war ganz anders als in seiner Vorstellung.

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