„Hi!“
Normalerweise war sie nicht so schnell zu verunsichern. Zumindest nach außen nicht.
Sie prostete ihm zu und trank noch einen Schluck Wein.
„Sag mal, wie alt bist du eigentlich?“
„Neunundzwanzig.“
„Aha.“
Als sie erneut das Glas Wein zum Mund führte, lächelte er.
„Alles okay?“
Sie starrte fasziniert in sein Gesicht, auf sein Lächeln.
Auf den ersten Blick mochte er unscheinbar wirken. Doch wenn er lächelte, veränderte sich sein Gesicht vollständig. Dann wirkte es wundervoll offen – und er hatte sehr schöne, regelmäßige Zähne.
Das war es, worauf sie bei Menschen achtete: auf ihre Zähne und ihre Hände.
„Bin ich dir zu alt?“ scherzte er, während er neben sich griff, nach einer Tasse.
„Ja natürlich“, reagierte sie, „so wird das wohl nichts mit einem Jungbrunnen.“
Sie lächelten einander an.
„Du wirkst… viel jünger“, gab sie schließlich zu.
Nun trank er einen Schluck aus seiner Tasse, während er mit einer Hand den Hund neben ihm streichelte.
„Ich bin wirklich neunundzwanzig.“
„Ich frage ja nur. Nicht dass ich noch die Fürsorge auf den Hals kriege oder wenigstens deine Mutter.“
Er lachte und es begann sie zu faszinieren.
Dabei könnte ich ihm jetzt stundenlang zusehen, dachte sie bei sich.
„Das ist also Günter“, sagte sie schließlich.
„Ja das ist er.“ Er betrachtete den Hund, strubbelte liebevoll durch dessen Fell. „Ich hab ihn jetzt das vierte Jahr.“
„Für mich ist das nichts“, sagte sie und stellte ihr Weinglas ab. „Ich mag keine Tiere in meiner Wohnung. Und für einen Hund hätte ich einfach auch zu wenig Zeit. Irgendwann muss der ja auch mal raus und ich bin froh, wenn ich abends hinter mir die Tür schließen kann.“
„Ist doch okay“, antwortete er, entspannt zurückgelehnt, ein Bein angewinkelt. „Lieber so als wahllos Tiere anhäufen, um die man sich nicht kümmern kann.“
„Kannst du es denn?“
„Natürlich. Ich arbeite oft von zu Hause aus. Wenn ich mal den Kopf freikriegen muss, fahr ich mit dem Rad los und lass ihn neben mir her laufen.“
Er betrachtete sie interessiert, dann lächelte er: „Ich muss übrigens oft den Kopf freikriegen.“
„Aha?“
„Ja. Ich entwickle Softwareprogramme, weißt du. Einen ganzen Tag lang hintereinander weg konzentriert zu bleiben, ist nicht ganz so einfach für mich. Ich muss dann auch mal was anderes sehen oder hören.“
Wie ich, dachte sie, nur dass ich dann nicht aufs Rad steige, sondern die Musik aufdrehe.
„Bei mir ist es die Musik“, sagte sie laut, „wenn ich die Musik aufdrehen kann, bis es selbst mir in den Ohren schmerzt, dann dauert es nicht lange und ich komm wieder runter.“
„Woran liegt es, dass du nicht mehr reist?“ fragte er unvermittelt.
Für einen Moment hielt sie den Atem an, überlegte, ob dies tatsächlich der Mensch und der Moment war, mit dem und in dem sie darüber sprechen wollte.
„Vielleicht ein anderes Mal“, antwortete sie ausweichend.
Wieder schauten sie einander an.
Er hatte kurze dunkle Haare, ein schmales Gesicht, Dreitagebart, einen schmalen Mund.
Komm, dachte sie, lächle…
Und er lächelte.
„Ist doch okay. Das heißt, du bist nicht schockiert und es gibt ein anderes Mal.“
In dieser Nacht konnte sie sehr lange nicht einschlafen. Sie lag auf dem Rücken, die Arme unter dem Kopf verschränkt und sie starrte an die Decke, an der vorbeifahrende Autos kurze Irrlichter malten.
Die Kopfhörer vibrierten auf den Ohrmuscheln, doch zur Ruhe fand sie nicht.
Ein anderes Mal.
Ja, das wollte sie. Das wollte sie ganz und gar.
Monat: Februar 2015
Impulse
„Schreib mir doch einfach über meine E-Mail. Im Kontaktformular, rechts unten. Dann erzähl ich vielleicht auch bisschen mehr.“
Und ein paar Tage später schrieb R Punkt.
Richard. R Punkt heißt also Richard, Single, ledig, keine Kinder.
„Wenn er jetzt auch noch bei Mutti wohnt, schrei ich“, murmelte sie.
Puh nee. Nicht bei Mutti, er wohnte allein. Allein mit einem Hund. „Mann mit Hund, okay, nicht schlecht, die sollen ja sehr fürsorglich sein“, kommentierte sie zu sich selbst das Gelesene und trank nebenbei einen Schluck Wein.
Angestellter einer IT-Firma.
„Oh Gott, ein Nerd!“ – noch einen Schluck Wein.
Insgesamt jedoch lasen sich seine Zeilen sympathisch.
Pippa begann zu schreiben, vorsichtig, zurückhaltend.
Er antwortete prompt.
Himmelherrgott – hing der eigentlich ständig im Netz? Also doch ein Nerd?
Vor ihrem Auge entstand ein Bild. Vermutlich war er groß, dünn, schwarzhaarig, Brille sowieso und vermutlich wirkte er nur im Schreiben so sicher. Im Realen war er vermutlich ein nervöser Mann, vielseitig belesen, weil er sich nachts lieber im Netz rumtrieb und las?
Dann jedoch lachte sie über sich und mahnte sich zur inneren Ordnung.
Gerade sie verwahrte sich doch stets dagegen, Menschen vorzuverurteilen, die man gar nicht kannte. Menschen vor allem, die man noch nicht einmal gesehen oder gehört hatte.
In den folgenden Tagen entstand ein reger Mailwechsel, den Pippa so wohl nicht erwartet hatte, der ihr aber zunehmend Spaß machte. Sie ertappte sich, dass sie, sobald sie auf „Nachricht senden“ klickte, bereits auf die Antwort zu warten begann.
Sie verlegten sich beide so auf das Schreiben, dass sie irgendwann in das Chatprogramm wechselten und oft halbe Nächte lang schrieben.
Auch begann sie sich recht bald zu fragen, wer er wohl sein mochte, wie er wirklich aussehen mochte. Statt von sich schickte er ein Foto von seinem Hund. Ein mittelgroßer schwarzer Hund mit kurzem Fell und treuen braunen Augen.
„Wie heißt er?“ schrieb sie. „Günter“, schrieb er und sie lachte ungläubig. Günter?
Ein Mann mit Hund namens Günter.
Nun ja.
Jetzt fehlte tatsächlich nur noch das Foto von Richard. Wahrscheinlich sah er ganz anders aus als sie sich das vorgestellt hatte. Wahrscheinlich war er eher klein, untersetzt, spärliches Haar und feuchte kalte Finger. Brrrr. Irgendwie war es doch immer so gewesen: Sobald ihr die Vorstellung von einem Menschen zu gefallen begann, stellte sich heraus, dass dieser so ganz anders war.
Dann doch lieber nicht nach einem Foto von Richard fragen. Dann doch lieber noch eine Zeitlang die Illusion aufrechterhalten, die sich in ihrem Kopf festgezimmert hatte. Und bloß nix erwarten!
Dafür fiel ihr ein, dass sie schon länger nichts mehr von Simon gehört hatte. Nach einem Check ihres Kontostandes griff sie zum Telefon und rief ihn an.
Sie erreichte ihn irgendwann am frühen Abend.
„Hey, ich hab schon länger nichts mehr von dir gehört. Stör ich grad? Alles okay bei dir?“ Zugegebenermaßen war ihre Frage eher die Höflichkeit und wiederum Simon nicht der Mensch, der auf solche Fragen ehrlich antwortete.
„Ja, passt schon.“
Er wirkte gestresst, vermutlich war er zwischen zwei Terminen, wie immer halt.
„Ich wollte nur mal fragen, wohin deine nächste Reise geht und ob ich mich anschließen kann. Ich glaub, ich muss mal wieder raus hier.“
„Ähm Pippa…“ Er machte eine kurze Pause, sie hörte Rascheln, der Terminkalender?
„Ich mache zur Zeit keine Dienstfahrten.“
„Ah… Okay. Kein Thema.“
„Das heißt, ich weiß noch nicht, wann ich in nächster Zeit wieder längere Reisen mache. Zumindest keine über Nacht.“
Wie auch immer sie darauf gekommen war, das wusste sie später nicht zu beantworten, aber spontan fiel ihr der Scherz mit dem Lippenstift wieder ein. Wie erschrocken er gewesen war.
„Ist wirklich alles okay? Krank bist du nicht, oder?“ fragte sie vorsichtig nach. „Muss ich mir Sorgen machen?“
Er schien zu lachen. „Krank? Nein, nein, ich bin nicht krank, alles gut. Ich melde mich mal die Tage, okay?“
„Klar. Kein Problem.“
Sie legten auf.
Pippa lehnte sich zurück, streckte die Beine aus, drehte das Glas Wein in der Hand.
Dann pfiff sie durch die Lippen: „Um mich herum lebt alles, nur ich, ich versauer hier irgendwie.“
Sie öffnete das Chatprogramm. Richard war noch online. Natürlich.
„Wollen wir was trinken gehen? Wobei… Mir fällt gerade ein: Wo wohnst du eigentlich?“
Viel zu weit weg, wie sich herausstellte. Zu weit für ein gemeinsames Glas Wein.
„Wir könnten ja videotelefonieren. Dann können wir uns wenigstens zuprosten“, schlug er vor.
Sie zögerte.
Wie war das noch mit dem Aufrechterhalten der Illusionen?
Ach was solls. Hier gings um einen netten Chat-Kontakt, das hier war keine Partnerbörse.
Ein dunkles Kamerabild erschien, bis es sich aufhellte. Und da war Richard.
Er war ganz anders als in ihrer Vorstellung.
Sie war ganz anders als in seiner Vorstellung.
Gedanke an das Gestern
In ihrem Mail-Postfach blinkte eine Nachricht. Ein neuer Kommentar in ihrem Reiseblog.
„Ich vermisse Fotos. Ich vermisse Deine Zeilen, Deine Lebenslust. Reist Du nicht mehr oder schreibst Du nicht mehr? R.“
R.
R Punkt.
Ihre Finger ruhten auf der Tastatur, sie betrachtete ihre Fingernägel. Frisch und rot lackiert. Sie mochte das Schreiben, wenn die Finger lackiert waren. Unwillkürlich lächelte sie. Wie verrückt, sich um sowas Gedanken zu machen. Lackiert oder nicht lackiert, wie egal war das? Vermutlich so egal, wie man schöne Unterwäsche trug, wenn man eine Ausstellung besuchte? Niemand weiß, was man darunter trägt, und trotzdem fühlt man sich unbezwingbar schön und verführerisch. Während man sich hingegen grau und farblos fühlt mit ausgewaschenen Blümchenhöschen aus Baumwolle.
Vermutlich so egal, wie man abends, wenn man ausging, maximal einen Salat aß. Weil man sich dann unschlagbar schlank mit einem unschlagbar flachen Bauch fühlte, den man vielleicht nicht mal besaß. Und sich aufgebläht und mindestens drei Kilo schwerer fühlte, wenn man ordentlich zu Abend aß, nur damit der Alkohol nicht zu Kopf stieg.
Eigentlich egal, das alles.
Eigentlich völlig egal, alles reine Kopfsache.
„Lieber R., ich reise momentan nur wenig. Aus verschiedenen Gründen.“ Sie zögerte, die Finger ruhten wieder auf den Tasten. Sollte sie mehr dazu schreiben? Was ging das die Welt da draußen an? Andererseits… Die Welt interessierte ihr Reiseblog nicht.
„Es sind zum einen die finanziellen Mittel, die mir fehlen“, setzte sie dann fort, „und andererseits… Es gibt da gerade eine Sache in meinem Privatleben, die ich gerne ergründen möchte. Ich denke, ich werde dazu mal etwas weiter reisen müssen, bin mir aber noch nicht sicher, wie ich das alles umsetzen werde. Aber schön, dass Du mein Schreiben vermisst. Sowas spornt an.“
Sie klickte auf Senden, bevor sie großartig weiter darüber nachdachte, und sie hatte diese Kommentare auch beinah sofort wieder vergessen.
Das aktuelle Leben war es, das sie nach wie vor beschäftigte.
Die Geschichte ihrer Großmutter.
Die hatte nicht gewusst, dass jener Franzose noch einmal dagewesen war, damals nach dem Krieg. Sie nicht – aber ihr Mann? Wieso wusste ausgerechnet der davon und ihre Großmutter nicht?
Pippa lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, kramte nach den Kopien der Bücher, nach der Fotografie ihrer Großmutter. Sie betrachtete lange das Gesicht dieser Frau, den schön geschwungenen Mund, die großen, kräftigen Zähne.
So gern hätte sie ein Bild von ihrem wirklichen Großvater gehabt. So gern hätte sie gewusst, wie er aussah, wer er war. Wer er wirklich war.
Musste er sie nicht doch sehr geliebt haben, wenn er zwei Jahre nach der Liaison mit der Großmutter zurückgekehrt war? Zurückgekehrt in ein Land, das so viel unfassbares Leid, so viel Gewalt über die Menschen gebracht hatte? Und trotzdem war er zurückgekommen, um sie zu suchen? Um sie zu sehen? Um ihr was immer auch zu sagen? War es Glück, dass die Großmutter damals nicht zu Hause war? War es Glück, dass er den kleinen Jungen nicht gesehen hatte, der im Zimmer auf dem Teppich saß und spielte?
Was wäre gewesen, wenn?
Wäre die Großmutter mit ihm fortgegangen?
Hätte sie ein glückliches Leben mit ihm geführt?
Und wo?
Wo genau war das?
Wo hatte er gelebt, woher genau stammte er?
So viele Fragen, keine Antworten.
Nicht weil Pippas Mutter es nicht wagte zu erzählen, sondern weil sie es alle schlichtweg nicht wussten.
Die einzigen, die das beantworten konnten, waren alle verstorben. Ihr Ur-Großvater. Ihre Großmutter. Ihr Großvater – der Mann ihrer Mutter.
Und Pippa rechnete.
Der Stift in ihrer Hand zitterte: Wenn er damals 19 Jahre alt war, dann könnte er… rein rechnerisch… noch leben. Theoretisch.
Wie er wohl aussah? Damals? Heute? Wie er wohl war? Wie war sein Lachen, der Klang seiner Stimme? War er nach Frankreich zurückgegangen und hatte er dort geheiratet, eine Familie gegründet? Lebte er tatsächlich noch? Und dachte er manchmal heute noch an die Großmutter – oder war das alles Schnee von gestern?
Wie findet man jemanden, von dem man nichts hat außer den Namen? Und das Geburtsjahr?
Sie würde gern mit jemandem darüber sprechen. Jemand Unvoreingenommenes, der ihr vielleicht einen neuen Gedanken aufzeigte. Sie wusste nur nicht, mit wem.