„Suchst du dein Handy?“
Auf halbem Weg zum Büro war Simon umgekehrt, als er feststellte, dass sein wichtigster Begleiter fehlte. All die wichtigen Rufnummern, Termine, selbst E-Mails waren auf dem Telefon abgespeichert, ohne dem war er hilflos und nicht wirklich arbeitsfähig. Und so war er noch einmal nach Hause gefahren, und er war überrascht, Susann noch zu Hause anzutreffen.
„Ja ich habe es wohl vergessen einzupacken.“
Erst als sie auf diesen Satz reagierte, registrierte er den Klang ihrer Stimme, den Ausdruck in ihrem Gesicht und überhaupt ihre ganze Haltung.
„Es wäre wohl besser gewesen, du hättest es nicht vergessen.“
„Wie meinst du das?“
„Ja besser halt. Ich weiß nur noch nicht, ob für mich oder für dich!“
Sie gab ihm sein Handy und er bemerkte den geöffneten Nachrichtenordner. Er hatte doch alles gelöscht?
„Melanie schreibt, sie kann dich nicht vergessen. Dich nicht und euer Zusammensein nicht.“
Susann sagte ihm das, noch bevor er es selber lesen konnte. Eine Nachricht von heute Morgen. Eingegangen, kurz nachdem er das Haus verlassen hatte. Mit einem Mal fühlte er sich doppelt schwer, doppelt müde und völlig ahnungslos, was er dazu sagen sollte. Wie er sich da herausreden sollte. Ob er sich überhaupt herausreden wollte. Was jetzt passieren würde.
„Melanie ist doch deine Assistentin, oder?“
„Nicht meine. Eine“, antwortete er lahm.
Susann verzog den Mund.
„Eine Assistentin also. Eine, die lange nach Feierabend anruft. Eine, die mit zu Geschäftsterminen fährt. Eine, die mit zu Geschäftsessen ging. Oder waren das alles nur Termine für euch beide? Mit euch beiden?“
Ihm war kalt, ihm war schlecht, in seinem Mund fühlte er einen sauren Geschmack.
„Nein, das waren schon auch… echte Geschäftstermine.“
Er kam nicht in Gang, sein Kopf war leer, er ließ sich auf den Stuhl sinken.
Seine Familie war das Wichtigste für ihn.
Vor zehn Jahren hatte er Susann geheiratet und sie sollte die einzige Frau in seinem Leben bleiben.
Er hatte diesen Traum von dieser kompletten, intakten Familie und jetzt saß er da und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Wie lange läuft das mit euch beiden? Seit wann?“
„Nicht lange“, sagte er langsam, „und es läuft auch nichts mehr. Es ist schon länger vorbei.“
„Und wie lange lief es? Seit wann?“
„Ein halbes Jahr. Ungefähr.“
Sie starrten einander an.
„Dir ist sicherlich klar, dass du sofort ausziehst.“
„Susann…“
„Ich werde das mit dir nicht diskutieren. Nimm dein scheiß Handy, fahr in dein scheiß Büro und vögel von mir aus deine kleine Sekretärin, aber heute Abend bist du hier raus.“
Sie wartete, bis er gegangen war. Erst dann fegte sie all ihre Bücher vom Tisch und brach in Tränen aus. Dann rief sie Daniel an. „Wieso tut er das? Wieso? Wieso Simon? Ich hätte nie nie nie gedacht, dass mir sowas passiert! Warum passiert mir sowas? Was hab ich falsch gemacht?“
„Das solltest du ihn fragen.“
„Ich könnte ihn umbringen!“
„Wenn du willst, kommst du mit Luis paar Tage zu mir, bis er weg ist. Und wenn sich alles bisschen beruhigt, dann redet noch mal.“
„Was gibt’s da zu reden? Der vögelt seine Sekretärin und macht hier zu Hause einen auf Vater und Ehemann!“
„Kleines, ich kann mir vorstellen, wie es dir grad geht. Aber reden müsst ihr. Schon wegen Luis.“
„Sei nicht so scheiße vernünftig, verdammt! Ich brauch das jetzt nicht!“
„Jetzt komm erst mal rüber zu mir.“
Monat: Januar 2015
Abschiede
„Sie hatte ein gutes Leben“, schloss der Vater seine Rede, räusperte sich, dankte für das Zuhören und dann winkte er der Bedienung: Der Kaffee durfte serviert werden.
„Vermutlich hatte sie ihre besten Jahre nach Großvaters Tod“, flüsterte Pippa ihrer Schwester zu, die wiederum mit einem Blick bedeutete: „Untersteh dich, Schlechtes über Tote zu sagen!“
Pippas Bindung zu ihren Eltern war seit der Pubertät deutlich abgekühlt. Sie hatten einander immer weniger zu sagen und noch weniger zu geben. Besuche bei ihnen glichen ebenso Pflichtübungen wie der Anruf ihres Vaters, um sie über den Tod der Großmutter zu informieren. Sie wusste, dass er ihre Art zu leben nicht akzeptierte und ihre Mutter zu leise und auch zu schwach war, die Dinge anders zu nehmen als er es tat. Das wiederum fiel Pippa sehr schwer zu akzeptieren, wohl auch, weil sie selbst so ganz anders war.
Dass sie selbst an diesem Tag nicht viel miteinander redeten als notwendig, dass sie einander nur flüchtig umarmten, war genauso selbstverständlich wie der frühe Abschied Pippas.
„Ich muss los, wenn ich meinen Zug noch schaffen will“, sagte sie zu ihren Eltern und betrachtete die beiden, wie sie da saßen. Der Vater mit dem ausgeprägten herrischen Kinn und dem Bauch, über dem sich das Hemd deutlich spannte. Daneben die Mutter mit der Frisur wie eh und je, den sorgfältig manükierten Nägeln und dem Kleid, in dem sie noch schmaler und zarter aussah als sonst.
„Lass doch mal wieder etwas von dir hören“, sagte sie draußen vor der Tür zu ihrer Tochter, mit unsicherer Stimme und einem Blick, der Pippas ständig auswich.
„Ach Mum“, seufzte Pippa. „Du willst doch gar nicht wissen, was ich so mache.“
„Doch natürlich, wieso nicht? Du bist meine Tochter.“
„Ja natürlich.“
Beide schwiegen, beide wussten, es würde immer so weitergehen wie bisher.
„Da wäre noch was“, begann die Mutter, als Pippa sich zum Abschied wendete. „Großmutters Tagebücher, willst du sie haben?“
Pippa schaute sie überrascht an. „Großmutter hat Tagebücher geschrieben?“
„Ja. Nicht oft, nicht viel, und das meiste davon ist über sechzig Jahre alt.“
„Wow.“ Pippa wusste zunächst nicht, was sie sagen sollte. „Warum willst du sie mir geben? Ist der Vater damit überhaupt einverstanden?“
Die Mutter lächelte. „Ich glaube, er weiß gar nicht, dass es diese Bücher noch gibt.“
„Und warum willst du sie mir geben?“
„Ich glaube, sie wollte, dass du sie bekommst.“
Pippa schwieg und starrte ihre Mutter an. „Willst du sie mir schicken?“
„Nein, ich hab sie dabei.“
„Du hast sie dabei? Jetzt? Hier?“
Du überrascht mich.
„Als ich hörte, dass du zur Beerdigung kommen würdest, habe ich sie gleich eingepackt.“
Natürlich. Ein Päckchen zu schicken wäre viel zu auffällig, immerhin ging die Mutter kaum einen Schritt ohne ihren Mann, und schon gar keinen Schritt, von dem ihr Mann nichts wusste. Einmal mehr schwor sich Pippa, ihr Leben lieber allein zu verbringen als so wie ihre Mutter zu leben.
Pippa nahm die vier schmalen kleinen Bücher entgegen, sie umarmte ihre Mutter noch einmal, dieses Mal länger und inniger und sie schloss dabei die Augen.
„Danke Mum. Ich muss jetzt wirklich los.“
„Ja, ich muss auch wieder rein.“ –
Als Pippa den Bahnsteig abgehetzt erreichte, in den Zug stieg, ihren Platz suchte und sich darauf fallenließ, schloss sie beinah sofort die Augen. Erst jetzt spürte sie die Müdigkeit in den Beinen, die Schwere in ihrem Körper, und als sie den Kopf an das Fenster lehnte und darauf wartete, dass der Zug anrollte, dachte sie an ihre Großmutter. Eine Frau, die das Leben geliebt und genossen hatte. Die Zeit ihres Lebens mit ihrem Mann zankte und stritt und sich dennoch nie bei ihm durchsetzen konnte. Eine Frau, die noch einmal aufgelebt hatte nach dem Tod des Mannes. Die seinen Tod betrauerte und trotzdem nicht vergaß, dass das Leben immer noch lebenswert war.
Zehn ganze Jahre hatte sie ihren Mann überlebt. Zehn Jahre, in denen sie ihre Vorliebe für bunten Schmuck wiederentdeckte und auch lange vor Ablauf des Trauerjahres helle Kleider anzog.
„Muss das wirklich sein? Die Leute reden über uns, über dich und ich hasse das!“ hatte Pippas Vater zu seiner Mutter gesagt und die hatte trotzig das Kinn gereckt: „Dann sollen sie sich doch das Maul zerreißen. Ich trauere auf meine Art, da brauch ich die Meinung der anderen nicht dazu. Und schwarze Kleider auch nicht, da seh ich sowieso immer viel zu blass aus. Lebendig macht das deinen Vater auch nicht.“
Pippa dachte an die Tagebücher in ihrer Tasche und überlegte, schon mal hineinzuschauen. Doch dann verwarf sie den Gedanken und schloss die Augen. Sie würde sie zu Hause lesen, in Ruhe.
Schritt nach vorn
Es ist Sonntag.
Pippa hasst Sonntage.
Es sind die Tage, die so unaushaltbar ruhig sind, still, gleichmütig. Auf den Straßen, in der Stadt begegnet ihr nicht das Leben, nur träge ziehen sich die Stunden dahin und verlieren sich monoton. Es sind die Tage, in denen sie am eindringlichsten spürt, dass sie allein ist. Dass ihr nichts geblieben ist außer ihr selbst.
Sie hat sich an diesem Sonntag in ein Café zurückgezogen, vor ihr eine große Tasse Milchkaffee, daneben die Tageszeitung. Sie liest Zeile für Zeile, aufmerksam, aber das Gelesene will sich heute in ihrem Kopf nicht festsetzen. Beinah sofort vergisst sie, was sie gerade gelesen hat, liest erneut, schaut aus dem Fenster, schaut auf den leeren Gehweg, die kahlen Bäume und auf die Sonne, die sich an diesem kalten Tag mühsam durch den milchigen Himmel drängt.
Sie hört der Musik in diesem Café zu, melodisch, warm, unaufdringlich.
Ihr Blick kehrt zurück zu ihrer Tasse Kaffee, fällt auf ihre Hände, die die Tasse umschließen. Flecken zeichnen sich auf ihren Handrücken ab, hellbraune kleine Flecken.
„Altersflecken!“ hat er sie immer aufgezogen.
„Sonnenflecken!“ hat sie ebenso oft gekontert.
Sie schließt die Augen.
Und ihr inneres Auge sieht ihn, wie sie nachts aus der Stadt gekommen sind, und während er dem Taxifahrer das Geld in die Hand drückte, zog sie ihre hochhackigen Sandaletten aus, summte das letzte Lied und tanzte auf dem Gehweg, die Arme ausgebreitet, die Schuhe in der Hand.
Ihr inneres Auge sieht ihn, wie er die Tür des Taxis zuschlug, auf sie zukam, ihre Hände nahm, im Takt mit ihr tanzte, während sie kicherte und die Haarsträhne aus ihrem verschwitzten Gesicht strich.
Erinnerungen können weh tun, wenn man weiß, dass sie das einzige sind, das man noch hat.
An diesem Tag in diesem Café tun sie ihr nicht weh.
Sie sitzt da, trinkt den Kaffee in winzigen Schlucken und hält die Tasse noch immer mit beiden Händen.
So bewusst. So behutsam. Sie genießt. Und sie lächelt.
Es ist das erste Mal, dass sie lächelt ob der Erinnerung. Vielleicht ist das ja ein Zeichen. Ein gutes Zeichen.
Regentage
„Ich kann meine Familie nicht verlassen“, sagte er, „das war auch immer klar, oder nicht?“
Melanie antwortete immer noch nicht. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet, ihr Gesicht völlig regungslos und zunächst war er sich nicht sicher, ob sie ihm überhaupt zuhörte.
„Ja“, sagte sie dann, „das war immer klar. Ich dachte.. nur nicht.. dass das so schnell kommt. Habe ich irgendwas falsch gemacht?“
„Nein, hast du nicht. Wirklich nicht. Aber ich will so auch nicht weitermachen. Ich will nicht ständig meine Frau anlügen. Ich will nach Hause kommen, ohne jedesmal ein schlechtes Gewissen zu haben.“
„Aha. Und du glaubst, wenn wir das hier beenden, brauchst du kein schlechtes Gewissen mehr zu haben? Meinst du, das macht den Betrug dann ungeschehen?“
„Natürlich nicht. Aber dann muss ich auch nicht ständig in der Angst leben, dass irgendwas rauskommt.“
Melanie starrte immer noch geradeaus durch das Fenster, Regen trommelte auf die Scheibe. Ach ja, wie passend. Ob Menschen sich auch an Tagen voller Sonnenschein trennten? Irgendwie kam ihr das nicht so vor; sie hatte da genug Szenen erlebt.
Und jetzt sollte sie ihn so einfach gehen lassen, sich ausradieren lassen, als hätte es sie beide nie gegeben? Einfach zurückkehren zur Tagesordnung? Ihn einfach so zurückkehren lassen in sein Leben, in dem er weiterhin so tun würde, als sei nie etwas passiert? Und seine Frau würde weiterhin glauben, dass ihr Mann der treue Ehemann und fürsorgliche Vater war, den nichts anderes interessierte als seine Familie? Und was aus ihr, Melanie, würde, wäre völlig uninteressant?
„Wenns leichter für dich ist, kann ich dafür sorgen, dass du in einer anderen Geschäftsstelle unterkommst“, sagte er und sie verzog den Mund. Natürlich. Immer schön weit weg, hübsch aus der Gefahrenzone bringen, damit nur ja nichts schiefging in seiner ach so tollen Planung.
„Vielleicht solltest du dir nicht meine Gedanken machen“, sagte sie hart und ihn überkam die Verlegenheit, ihr irgendetwas Gutes zu sagen, zu tun, die Stimmung zwischen ihnen beiden wieder versöhnlich anklingen zu lassen.
„Mel, ich weiß, so eine Situation ist immer unschön…“
„Du musst das nicht so kunstvoll ausdrücken“, unterbrach sie ihn genervt. „Das macht die ganze Scheiße auch nicht besser.“
Sie öffnete die Tür.
„Mel…“
„Lass mich einfach nur in Ruhe.“
Er blieb noch eine ganze Weile im Auto sitzen, die Hände am Lenkrad, im Bauch dieses ungute Gefühl, dass er verantwortlich war für das alles. Für seine Familie, aber irgendwie auch für Melanie. Eine junge, erwachsene Frau, die immerhin von Anfang an genau wusste, worauf sie sich einließ.
Trotzdem gelang es ihm nicht, sich besser zu fühlen.
Als er schließlich zu Hause ankam, erwartete ihn Susann in ungewohnt entspannter Stimmung, sie hatte sogar gekocht und Kerzen angezündet.
Susann erzählte vom Tag, von der bestandenen Zwischenprüfung, sie wirkte gelöst und befreit.
Heute war sie in Stimmung. Ausgerechnet heute.
„Ich bin echt müde“, sagte er und auf ihren fragenden Blick sagte er nur: „War ein scheiß Tag heute. Ich mag nicht drüber reden, ich würde einfach nur schlafen gehen wollen.“
Sie zuckte die Schultern. „Aha.“
Als er ins Badezimmer ging, schaltete sie den TV ein und goss sich ein Glas Wein ein.
„Dann stoß ich eben alleine mit mir auf die Prüfung an“, rief sie ihm zu, „keine Sorge, ich kann mich auch alleine für mich freuen!“
Einen Moment später stand er im Türrahmen. „Susann, ich freu mich für dich, wirklich. Ist nur heute… alles bisschen…“
„Lass es gut sein. Ist eh vorbei.“
Sie trank ihren Wein und er ging wortlos zu Bett.
50 lies – 50 crying all the times
Als Simon am Sonntagnachmittag vor dem Hotel wartete, erkannte er Pippa nicht sofort. Erst als sie ihn ansprach, nahm er sie wahr.
„Meine Güte, ich hab dich überhaupt nicht erkannt! Du siehst so… anders aus?“
Sie lächelte.
Das Haar. Es war ihr Haar. Dieses unmögliche Blond war verschwunden, war einem dunklen Braun gewichen und diesmal gefiel ihm sogar ihr dunkelrot bemalter Mund.
„Fährt man extra nach Berlin, um sich die Haare zu färben?“ fragte er, nachdem sie gestartet waren. Sie kramte noch in ihrer Tasche, suchte nach ihrem Telefon und er ahnte, dass sie es nur suchte, um sich anschließend wieder in ihrer eigenen Musik zu vergraben. Irgendwie wollte er das verhindern. Irgendwie musste er sie zu einem Gespräch bringen, das sie von ihrer Musik abhielt.
„Sicherlich nicht“, antwortete sie nun, nachdem sie ihr Telefon in der Hand hielt. „Aber weißt du, ich bin da an so nem Laden vorbeigekommen und irgendwie.. ich weiß nicht, mir gefiel der. So bisschen auf Fifties gemacht, alles bisschen anders als die anderen und sehr nette junge Leute. Da musste ich einfach rein, ohne überhaupt zu wissen, was ich mit meinem Haar anstellen wollte.“
Er warf ihr einen Seitenblick zu.
„Es passt gut zu dir.“ Es gefällt mir.
Sie lächelte. „Danke.“
„Und? Was hast du dir angesehen? Gefällt dir Berlin?“
Sie lehnte sich zurück, schaute versonnen zum Fenster hinaus.
„Ja. Berlin gefällt mir. Es ist… laut. Jung. Eine wahnsinnig lebendige Stadt, die irgendwie wohl nie wirklich zur Ruhe findet. Ich mag das.“ Und nach einer Weile fügte sie hinzu: „Mir gefällt eine Stadt, ein Ort, wenn ich mir spontan vorstellen könnte, dort zu leben. Berlin ist so eine Stadt.“
Dann stöpselte sie ihre Kopfhörer in die Ohren, er konnte es nicht verhindern, und so hingen sie beide ihren Gedanken nach. Ab und an betrachtete er sie flüchtig von der Seite.
Sie war immer noch Pippa. Sie sah immer noch so aus wie Pippa. Aber irgendwie….
„Ich kann doch mein Telefon mit deinem Radio verbinden, oder?“ riss sie ihn mit einem Mal aus ihren Gedanken.
„Äh… Ja. Du musst nur schauen, wie laut dein Player grad eingestellt ist. Nicht dass….“
„Ich weiß“, unterbrach sie ihn.
Sie kramte ihr Kabel hervor, stellte ein, suchte einen Song.
„Ich hab ihn letzte Nacht geladen“, erzählte sie. „Ich war irgendwo unterwegs, da wurde dieser Song gespielt. Ich hab ihn gefühlte Millionen Mal gehört heut Nacht.“
Ein lebendiger Rhythmus. Nicht unbedingt seine Musik, nicht auf den ersten Klang, und doch klopfte seine Hand im Takt auf seinen Schenkel.
„…Fifty states, fifty lines, 50 crying all the times.. 50 boys, 50 lies, 50 I’m gonna change my minds…“ sang sie mit und ihre Stimme klang weicher, sanfter, zarter. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Körper entspannt zurückgelehnt.
Seine Finger klopften nicht mehr im Takt, er hörte zu. Er dachte an Melanie. Er dachte an Susann.
Fifty lies.
Fifty crying all the times.
So weit würde er es nicht kommen lassen. Er musste das mit Melanie beenden. Eine andere Möglichkeit kam für ihn nicht in Frage, denn da war noch Luis. Er würde seine Familie nicht verlassen können. Nie.
Er vergaß dabei die Tatsache, dass man im Leben nicht alle Entscheidungen allein treffen kann. Irgendeine Konsequenz kommt dir immer dazwischen, irgendwie.
Maybe you can find me down this broken line
„Fährt er eigentlich nur noch mit dir oder nimmt er auch noch andere Mitfahrer mit?“ fragte Pippas Schwester.
„Wenn du mich so fragst… In letzter Zeit fahren wir nur noch zu zweit.“
„Aha…“
„Was meinst du?“
„Na ja… Findest du das nicht komisch? Ich meine, der Typ macht das doch, um Geld zu sparen, und da nimmt er dann nur noch eine Mitfahrerin mit?“
„Ich glaub nicht, dass Simon das Geld nötig hat.“
„Wieso nicht?“
„Er hat einen super Job, soviel weiß ich mal schon. Dienstwagen. Er bekommt alles über die Spesenabrechnung wieder.“
„Darf man dann überhaupt fremde Leute mitnehmen?“
Unvermittelt lachte Pippa: „Ich habe keine Ahnung! Vielleicht fährt er deshalb nur noch mit mir und gibt mich im Fall eines Falles als eine Freundin aus.“
„Na besser eine Freundin als seine Freundin.“
Ihre Schwester hatte das so dahingesagt, bevor sie sich ihrem Kind zuwandte. Pippa jedoch blieb stumm für diesen Moment und zum ersten Mal fragte sie sich, wer Simon eigentlich war.
Ein fremder, attraktiver Mann, groß gewachsen, verheiratet, ein Kind.
Könnte ein Mann wie er ihr überhaupt gefallen? Sie stellte sich diese Frage an diesem Tag zum ersten Mal und sie befand: Eher nicht. Auf sie wirkte er wie jemand, mit dem man nicht tief fallen könnte, jedoch auch nicht hoch hinaus fliegen würde. Er schien jemand zu sein, der sehr mit den Konventionen des Lebens verflochten war, der darauf bedacht war, wie er auf andere Menschen wirkte und ob er genügend darstellte.
Das war nichts für sie. Statussymbole bedeuteten ihr nichts. Was die Leute von ihr hielten, interessierte sie nicht, solange es nicht die Menschen waren, an denen sie mit Leib und Seele hing. Sie stand auf dem Boden, doch ihren Kopf hatte sie oft genug hoch oben irgendwo, wo sie sich hinträumte, solange sie es in der Realität nicht umzusetzen vermochte.
Auf dem Weg nach Berlin ertappte sie sich öfter dabei, dass sie ihn von der Seite musterte, ihn betrachtete, um möglicherweise etwas an ihm zu sehen, das ihr bisher verborgen geblieben war.
„Alles okay?“ fragte er sie irgendwann.
„Ja natürlich. Wieso nicht.“
„Du schaust mich ständig an. Hab ich irgendwo noch was kleben? Zahnpasta vielleicht? Rasierschaum?“
Sie lachte.
„Nein, aber Lippenstift am Hals!“
Er wandte sich ihr derart erschrocken zu, dass sie sofort begriff: Er hatte den Witz nicht verstanden. Er hatte tatsächlich für einen Moment lang geglaubt, er habe Lippenstift am Hals. Was das bedeutete, musste sie nicht hinterfragen. Schließlich hatte er öfter erwähnt, dass bunt bemalte Frauen eher abturnend auf ihn wirkten und dass seine Frau glücklicherweise nicht zu denen zählte, die das Haus niemals ungeschminkt verließen.
„Bleib locker, das war ein Scherz“, sagte sie nun und er wirkte erleichtert.
„Ja was auch sonst“, fügte er hinzu und sie verzog den Mund.
Sie stöpselte die Kopfhörer in die Ohren und er wusste: Das war wieder der Moment, wo sie in Ruhe gelassen werden wollte, wo sie ihren Gedanken nachhängen konnte. Er fand das schade, er unterhielt sich gern mit ihr. Irgendwann auf ihren Reisen hatte er festgestellt, dass ihre Fassade der kühlen Arroganz wesentlich mehr steckte als es für ihn zunächst den Anschein gehabt hatte.
Er mochte ihre Visionen, ihre Ziele, ihren Ehrgeiz und ihre Unbeirrbarkeit, mit der sie ihren Weg verfolgte. Vor allem aber mochte er ihre Unabhängigkeit. Das reizte ihn, das brachte ihn dazu, darüber nachzudenken, wovon er eigentlich geträumt hatte, was davon er sich bislang erfüllt hatte und was einfach in den Hintergrund gerückt war. Und sie weckte in ihm die Sehnsucht, sein eigenes Leben wieder in Ordnung zu bringen und mit Susann all das nachzuholen, was sie in den letzten Jahren aufgeschoben hatten.
Und nun, in diesem Augenblick, hoffte er einzig und allein, sie möge sein Entsetzen wegen des Lippenstiftes nicht bemerkt haben. Warum, das war ihm nicht so ganz klar, doch irgendwie… schämte er sich vor dieser jungen Frau mit dem kühlen, geraden Blick, von dem er sich regelrecht fixiert fühlte, wenn sie ihn ansah.
Er würde sich schämen, dieser Frau erklären zu müssen, dass er genauso gewöhnlich war wie alle anderen auch.
Skies are black and blue
„Nach Berlin kann ich dich mitnehmen, ich bin in zehn Tagen dort“, sagte Simon auf dem Rückweg vom Seminar zu Pippa und nachdem er Melanie vor ihrer Haustür abgesetzt hatte.
„Kommst du nicht mehr mit hoch?“ hatte Melanie gefragt und er hat entschuldigend den Kopf geschüttelt. „Ich hab meiner Frau versprochen, heute Abend nicht so spät da zu sein.“
„Uhuuuu…“
„Lass das bitte.“ —
„In zehn Tagen? Wann genau wäre das?“ fragte Pippa und er hörte, wie sie in ihrem Kalender blätterte. Ihm gefiel, dass in ihrer Welt noch nicht alles digitalisiert war wie in seiner eigenen. Anfangs hatte ihn die voranschreitende Technik begeistert, doch nun inzwischen, nach etlichen Jahren ertappte er sich immer öfter dabei, wie er sich zurücksehnte zu den Ursprüngen.
So fühlte er sich auch mit Melanie. Das Besondere verlor seinen Reiz, je regelmäßiger sie sich trafen und je mehr er versuchen musste, plausibel vor Susann zu begründen, warum er noch weniger zu Hause war als zuvor. Melanie war immer noch die schöne junge Frau mit dem wundervollen Mund und wenn sie begann, ihn damit überall zu küssen, dann vergaß er alles, selbst das schlechte Gewissen der eigenen Frau gegenüber.
Doch spätestens in dem Moment, wenn er durch die Haustür trat, den Sohn sah oder hörte, wenn er Susann anschaute, dann begann er sich immer öfter zu fragen, ob Melanies erfahrener Mund es wert war, seine Familie zu riskieren. Andererseits: Susann war derart mit sich selbst beschäftigt, dass ihr seine Abwesenheit im Grunde nur noch dann auffiel, wenn sie ihn als Babysitter brauchte. Oder wenn er einkaufen gehen sollte. Oder wenn die Zigaretten alle waren.
Je länger die Affäre andauerte, desto sicherer fühlte er sich also, dass Susann es sowieso nicht erfahren würde. Dennoch begann er nach und nach das Interesse zu verlieren. Hier die Familie, dort eine Affäre, so hatte er sich sein Leben nicht vorgestellt. Er wollte nicht viel mehr in seinem Leben, aber er wollte es anders. Er wollte eine Partnerin, mit der er sich über mehr unterhalten konnte als nur über den Sohn oder ihr Studium. Er wollte eine Partnerin, die ihm zuhörte und auch ihm etwas erzählte. Er wollte eine Partnerin, die ihre sexy Wäsche auch für ihn anzog und nicht nur für irgendwelche Termine, bei denen er sich mittlerweile fragte, ob sie tatsächlich so harmlos waren wie Susann es immer wieder beschrieb. Er wollte eine Partnerin, für die Sex keine Pflichterfüllung war.
„Das passt mir gut, richtig gut“, sagte Pippa am anderen Ende der Leitung in seine Gedanken hinein, während er schnell und sicher das Auto durch die Straßen lenkte.
„Okay, dann machen wir das so, ich hol dich dann wieder am Laden ab.“
„Schön, das freut mich. Dann wird’s für mich etwas entspannter.“
Zu Hause erwartete ihn Susann mit einem hoch fiebernden Kind. Aus der Traum von einem gemeinsamen Abend.
„Ich muss das mit Melanie beenden“, ging ihm durch den Kopf, während sie in der Notaufnahme saßen, der Junge auf seinem Schoß und Susann draußen vor der Tür mit dem Telefon am Ohr. „Irgendwie läuft alles mehr und mehr aneinander vorbei.“
Feel it all
Manchmal ist Pippa versucht zu lächeln darüber, wie ihre Familie, ihre Freunde versuchen, sie abzulenken, sie aufzufangen.
Manchmal verbringt sie ein ganzes Wochenende im Bett, legt eine DVD nach der anderen ein, betrachtet Fotos, betrachtet eigene Videos. Aus dem Urlaub, aus dem Alltag, und manche Szenen spult sie immer und immer wieder zurück.
Manchmal vergisst sie dabei das Duschen und geht tagelang nicht aus dem Haus. Beantwortet keine Anrufe, keine Nachrichten und ihr E-Mail-Postfach öffnet sie erst gar nicht.
Manchmal vergisst sie das Essen und manchmal stopft sie wahllos in sich hinein, was der Kühlschrank hergibt.
Manchmal geht sie abends aus, setzt sich in Cafes und fühlt sich allein unter all den Menschen.
Manchmal steht sie auf der Dachterrasse, über ihr spannt sich der Nachthimmel und vor ihr breitet sich die Stadt aus mit all den Lichtern, dem Hupen von Autos und dem Gemurmel der Geschäftigkeit. Dann empfindet sie einmal mehr die Sehnsucht nach der Ferne.
Im Grunde hält sie hier nichts mehr, warum geht sie dann nicht?
Weil sie nicht kann.
Sie ist hier verwurzelt, hier bei ihm, und noch hat sie nicht verinnerlicht, dass alles von ihm in ihr ist, dass sie alles Wichtige von ihm in sich trägt, wohin sie auch geht.
„Du musst damit aufhören.“
Die Stimme ihrer Schwester ist sanft, ruhig und voller Nachsicht. Aber auch voller Nachdrücklichkeit.
„Womit?“
„Damit, dass du stundenlang eure Videos anschaust. Damit, dass du sein Parfüm nachgekauft hast. Damit, dass du seine Sachen nicht wegräumst. Damit, dass du dich tagelang einschließt und unerreichbar machst.“
Pippa sitzt regungslos, die Hände im Schoß, der Blick geradeaus gerichtet, an ihrer Schwester vorbei.
„Und warum?“ fragt sie langsam.
„Weil wir uns Sorgen machen. Wirklich Sorgen.“
So langsam, wie Pippa gesprochen hat, wendet sie den Kopf ihrer Schwester zu.
„Also sollte ich mit all dem aufhören, weil es nicht besser ist für mich, sondern besser für euch. Ihr denkt dabei nicht an mich, sondern an euch. Euch geht es nicht darum, dass ich mich besser fühle. Ihr, ihr wollt euch besser fühlen!“
Ihr Ton ist ruhig, ohne jede Anklage.
„Pippa… Ich weiß, dass das schwer ist…“
„Woher weißt du das denn?“
„Weil… weil… Wenn ich mir vorstelle, dass ich Berni verliere…“
Jetzt kommt Leben in Pippas müde Augen und Farbe in die fahlen Wangen.
„Soll ich dir was sagen? Das, was du dir vorstellst, ist nicht annähernd die Realität. Hast du verstanden? Nicht! Annähernd!“
Pippa steht auf und verlässt etwas schwerfällig, aber energisch den Raum, die Tür fällt hinter ihr zu.
Ihre Schwester bleibt zurück, still und stumm für einen Moment, dann schüttelt sie den Kopf, steht auf und verlässt die Wohnung.
„Ruf mich an, wenn du willst“, steht auf dem Zettel, den Pippa später auf ihrem Tisch findet.
A wie Anonym
Auf der Rückfahrt erzählt sie von dem, was sie sich angeschaut, was sie fotografiert hat. Davon, was sie sich für einen nächsten Besuch aufhob.
„Hamburg gefällt mir“, schloss sie, „in Hamburg würde ich leben wollen.“
„Echt? Also Hamburg… wäre jetzt nicht so meins. Berlin vielleicht. Ja, Berlin würde mir gefallen.“
Sie legte den Kopf schief, dachte nach.
„Von Berlin… habe ich noch nicht sehr viel gesehen“, sagte sie dann, „außer den Bahnhof und bisschen was drum rum.“
„Echt nicht?“ fragte er erstaunt. „Das solltest du unbedingt nachholen! Berlin ist ein Muss. Wenn du willst, melde ich mich bei dir, wenn ich wieder ein Seminar dort hab. Dann kannst du ja wieder mitkommen.“
Sie lächelte. Sie freute sich wirklich.
Ihr fiel auf, wie einfach es war, Wünsche zu äußern oder auch Gedanken, die der andere aufgriff, die im Fluss eines Gesprächs entstanden und so keinen Raum für Missverständnisse oder Fehlinterpretationen ließen. Kurznachrichten eignen sich einfach nicht für so etwas, insbesondere dann nicht, wenn man sich noch nicht wirklich kennt. Auch Telefonate sind dann nicht immer die glücklichere Wahl.
Das hatte sie jetzt einmal mehr begriffen.
Als Pippa einige Tage später ihr Postfach öffnete, befand sich eine Mitteilung darin. Ein Kommentar auf ihrem Reiseblog, den sie vor einiger Zeit eröffnet hatte und in den sie auch ihre Fotos von Hamburg eingestellt hatte, in dem sie von Hamburg geschrieben und irgendwie auch geschwärmt hatte.
„Ich habe Deinen Blog durch Zufall gefunden, weil ich selber nach Hamburg muss und mich vorher bisschen informieren wollte. Was soll ich sagen… Du schreibst wunderbar. Als ich Deinen Eintrag las, kam es mir vor, als würde ich mit Dir durch die Straßen gehen, als wäre ich selber mit dort gewesen. Schreib mir mehr davon. A wie Anonym.“
Schade, Anonym, dass du dich nicht mal traust zu sagen, wer du eigentlich bist, dachte sie, dann schrieb sie einen Antwortkommentar, verfasste darin noch eine Episode vom Abend in Hamburg und schloss mit den Worten: „War das jetzt genug an Beschreibungen?“ Sie ließ ihren Laptop den halben Abend geöffnet, sie rechnete mit einer Antwort und die kam auch: „…eigentlich kann ich gar nicht genug davon bekommen. Es ist wirklich Wahnsinn, wie Du schreibst. R.“
Pippa lehnte sich zurück und lächelte. Herr A wie Anonym hatte sich in Herrn R. verwandelt. Na immerhin. Warum auch immer, sie freute sich über diese Zeilen. Sie starrte darauf und lächelte. Und mit einem Mal überkam sie wieder Lust darauf, in ihren Fotodateien zu wühlen, herumzuschneiden, Lichteffekte hineinzuzaubern, die das Schöne der Bilder noch schöner hervorhoben – und in diesen Blog zu stellen.
Bevor sie in der Nacht den Laptop zuklappte, hatte sich ein neuer Leser in ihre Liste eingetragen. Ohne Foto, aber mit R.
Sie lächelte wieder.
Manchmal spürt man doch irgendwie, dass eine Sache von Bedeutung werden wird.
Manchmal fühlt sich etwas schon vom ersten Moment nach etwas Besonderem an.
Meist dann, wenn man gerade überhaupt nicht daran denkt.
Berührt und unberührt
„In welchem Hotel wohnst du eigentlich?“ fragte er kurz vor Hamburg, bereit, sein Navigationsgerät einzurichten. Er war schon einige Male hier, doch viel mehr als das jeweilige Hotel, dessen Seminarraum und vielleicht noch eine Bar im Laufmeterumkreis hatte er dabei nie gesehen.
Er dachte an Melanie. Es wäre schön gewesen, sie jetzt hier dabei gehabt zu haben, miteinander ins Bett zu gehen, gemeinsam zu frühstücken und nach dem Seminar noch ein wenig durch die Stadt zu bummeln. Er war weit weg von zu Hause, hier bestand nicht die Gefahr, entdeckt zu werden.
Sich frei fühlen… Das vermisste er.
„Irgendsoein Hotel am Hafen“, antwortete Pippa und kramte nach einem E-Mail-Ausdruck.
„Direkt am Hafen?“
„Ja genau. Es ist auch nicht gerade preiswert, aber… Wenn ich nachts aus dem Fenster schau, will ich mehr sehen als die Häuserfront von gegenüber oder Leute, die ihren Hund auf den Gehsteig scheißen lassen.“
Er lachte: „Wer will denn nachts aus dem Fenster gucken?“
„Ich vielleicht?“
„Doch nicht etwa das Empire Riverside?“ fragte er dann.
Sie schaute auf: „Doch! Doch, ich glaub, genauso hieß das. Wo ist nur dieser… blöde.. scheiß Zettel…“
„Hui, das ist wirklich nicht preiswert.“
„Ja egal. So oft übernachte ich nicht in irgendwelchen Hotels. Und wenn ich schon mal so ne Reise mache, dann will ich mir auch was Ordentliches gönnen.“
Sie sah ihn an, strich sich das Haar aus dem Gesicht, eine Strähne aus ihrem Mund. „Der Mensch muss sich belohnen können. Und mein Belohnungssystem funktioniert ganz gut.“
„Na solange deine Bank das auch findet…“
Sie antwortete nicht darauf, kramte weiter in ihrer irren Tasche und hielt schließlich triumphierend den Zettel in der Hand: „Na bitte, da ist er ja.“ Sie faltete das Papier auseinander, las im knappen Schein seines Radios: „Empire Riverside Hotel. Bernhard-Nocht-Straße. Na bitte, wer sagts denn.“
Er programmierte sein Navigationsgerät und hier, so kurz vor dem Ziel, wurde ihm bewusst, wie müde und abgespannt er war. Er wollte einfach nur noch ankommen, duschen, sich ins Bett legen. Energie, sich auf das morgige Seminar vorzubereiten, brachte er überhaupt keine mehr auf.
„Wusstest du denn nicht, dass die meisten Hotels nachts am schönsten aussehen?“ griff sie seine Frage von vorhin wieder auf. „Selbst so’n schnöder Hafen sieht nachts richtig gut aus. Es muss nur alles richtig beleuchtet sein.“ Einen Moment schwieg sie, dann fügte sie hinzu: „Am Ende ist es immer nur das Licht.“
Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Für ihn mussten die Dinge in erster Linie praktisch sein. Geradlinig und praktisch. Mit Schnörkel, Deko und solchem Kram hielt er sich weniger auf. Er hatte es gerne schön, aber auch praktisch war für ihn schön.
Pippa lehnte sich im Sitz zurück, schaute verträumt vor sich hin.
„Ich hoffe, Hamburg erfüllt mir das, wie ich es mir vorstelle. Ich will auf den Kiez. Ich will eintauchen in das Leben. Ich will das echte, pure Leben, den Fischmarkt und…“
„Aha. Das echte pure Leben – und dann steigst du im Riverside ab?“ unterbrach er sie belustigt.
„Weil ich tagsüber eintauchen, nachts aber alle Annehmlichkeiten mitnehmen will“, warf sie den Ball zurück. „Ich will keine billige Absteige, wo ich von rechts höre, wie einer seinen Darm nicht unter Kontrolle hat und von links, wie zwei sich nach Lust und Laune vergnügen. Für eine Nacht will ich mir Luxus gönnen. In einem tollen Kleid an der Bar sitzen und auf die Elbe hinunterschauen. Mir einen Cocktail bestellen.“
„Und dann?“
„Nichts dann. Ich will einfach nur genießen, den Augenblick, den Moment. Ich will genießen, was ich nicht jeden Tag tu, damit ich es nicht so schnell wieder vergesse.“
„Und das geht auch allein?“
„Ja natürlich. Wenn ich nur darauf warten würde, alles zu zweit machen zu können, würde ich aber viel Zeit vertrödeln.“
Er schwieg. Er dachte an Susann. Er dachte an die ersten Jahre. Für ihn war es schön und wichtig, dass sie die Dinge teilten, ihre Erlebnisse teilten. Er dachte daran, wie schmerzhaft es sich mitunter anfühlte, seit sie begonnen hatte, ihn mehr und mehr auszuschließen aus dem, das sie tat, dachte oder fühlte. Und dass er es genoss, Zeit mit Melanie zu verbringen. Nicht nur mit ihr zu schlafen. Selbst ein profanes Abendessen in irgendeinem angesagten Lokal wurde zum Erlebnis im drögen Alltag zwischen Job und der Familie.
Für das Alleinsein war er nicht gemacht. Das war eine Welt, von der er hoffte, dass er sie nie kennen lernen würde. Und so wusste er nicht, ob er Pippa beneiden oder bemitleiden sollte.
Als er sie am Sonntagmorgen vom Hotel abholte, kam sie ihm entgegen, die Tasche lässig über der Schulter, in der Kamera etliche Fotos, die sie zu Hause in Ruhe sortieren und bearbeiten würde.
Das Kleid, dieses besondere Kleid, das sie sich extra für den Abend in der Bar hoch über der Stadt ausgesucht hatte, lag unberührt in dieser Tasche.
Genauso unberührt wie ihre Seele.
Genauso unberührt wie ihr Körper.
Sie hatte die halbe Nacht in der Badewanne gelegen und vor sich hin gestarrt.
Sich den Bademantel übergezogen und gefühlte Ewigkeiten am bodentiefen Fenster gestanden, die Stirn an das kühle Glas gelehnt, den Blick über die Stadt, den Hafen, die Lichter schweifen lassen.
Das große Bett, in das sie irgendwann kroch, war kalt und leer und ohne irgendeinen vertrauten Geruch.
Die Berührung auf ihrer Haut war nur ihre eigene.
Die Hand, die ihren Schoß teilte, war ihre eigene.
Mit der kurzen, tiefen Erleichterung nur wenige Augenblicke später kamen die Tränen. Allein sein ist und bleibt scheiße, egal, wie schön man es sich reden kann.
Während in irgendeinem anderen Hotel im Herzen der Stadt Simon ein durchweichtes Taschentuch im Abfluss seiner Toilette verschwinden ließ, sich die Hände wusch, kurz mit Susann telefonierte und Melanie eine gute-Nacht-sms schrieb. Fast sofort danach schlief er ein, völlig ruhig und entspannt.