Monat: Januar 2015

Ein erstes Gespräch

Jetzt saßen sie da, schwiegen einander an und Simon wartete auf eine Reaktion. Irgendeine Reaktion. Hauptsache, sie sagte erst mal was.
„Wann genau hat das eigentlich angefangen? Mit der anderen?“
Susann schaute ihn nicht an, während sie ihn fragte. Sie sah aus dem Fenster, ihre Arme um sich geschlungen.
„Ich… oh Gott, ich weiß es grad nicht… Vor über einem halben Jahr etwa.“
Jetzt wandte sie doch den Kopf und sah ihn an.
„So lange ging das mit euch?“
„Nein, so lange nicht. Es war schon vorbei, als du… die sms gelesen hast.“
Bloß nicht an diesen verkackten Morgen denken. Diese Übelkeit. Dieser saure Geschmack im Mund. Dieses Gefühl von Sandburgen, die einstürzen. Von Kartenhäusern, die weggepustet werden. Dieses Gefühl der Unsicherheit, was nun folgen würde. Dieses große Fragezeichen der Zukunft.
„Warum vorbei?“
Wenn er sich eines geschworen hatte, dann unbedingte Ehrlichkeit in der Antwort auf ihre Fragen. Dass sie sich hier auf das Gespräch mit ihm eingelassen hatte, war ein Schritt in die Tür zurück nach Hause, jedenfalls hoffte er das. Wenn er sie jetzt belog, nur um sie beide zu schützen, und Susann würde eines Tages Wahrheiten finden, dann wäre es endgültig vorbei. Er hatte in den letzten Wochen viele lange Nächte Zeit gehabt, um nachzudenken. Sich Strategien zurechtzulegen. Dem Wirrwarr im Kopf ein Ende zu setzen.
„Hat sie sich von dir getrennt?“
„Nein Susann. Ich habe das Ganze beendet, weil ich das… Es war falsch, es war einfach scheiße und ein riesengroßer Fehler. Also habe ich es beendet und ich dachte…“
„Du dachtest, dann kann man weitermachen wie bisher, die Alte merkt ja sowieso nichts und alles ist gut.“
„Susann! So nicht, so habe ich nicht gedacht!“
Sie lächelte ironisch.
„Es ist auch egal. Es ist egal, ob du es blumig gedacht hast oder wie auch immer. Es macht keinen Unterschied.“
Sie sah wieder zum Fenster hinaus.
„Warum?“ fragte sie dann schließlich.
Es war genau diese Frage, die er sich selber so oft gestellt hatte. So oft hatte er versucht, darauf eine Antwort zu finden, die in ihren Augen bestehen konnte. Ohne ihr das Gefühl zu geben, dass sie allein hierfür die Verantwortung trug. Ohne ihr das Gefühl zu geben, es könne jederzeit wieder so kommen.
Eine sichere Antwort hatte er nicht gefunden. Was auch immer er sagen würde, es klang erbärmlich, jämmerlich und… irgendwie auch feige.
„Ich kann es nicht wirklich sagen“, antwortete er schließlich. „Ich hatte das Gefühl, wir entwickeln uns irgendwie auseinander. Jeder macht seins und in der Mitte sitzt Luis und hält uns zusammen. Dass wir für ihn sorgen, dass wir für ihn da sind. Und sonst geht jeder seinen eigenen Weg, kümmert sich immer weniger um den anderen und hört auch immer weniger zu. Wir hatten… Ich weiß nicht, mir hat so oft das Miteinander gefehlt. Das entspannte Miteinander. Das Zeit füreinander haben. Ich bin oft unterwegs, manchmal komm ich zwei, drei Tage nicht nach Hause, und wenn ich da war, warst du entweder im Büro oder hast abends gelernt. In Bibliotheken gesessen. Selbst die Wochenenden waren nicht mehr für uns.“
Sie sagte nichts.
Sie wartete.
Und sie hatte den Kopf ihm zugewendet.
Sie betrachtete ihn.
„Wenn ich dich hier so sitzen sehe, dann wird mir schlecht. Weil ich mir vorstelle, wie du mit der anderen vögelst. Wie du sie küsst, berührst, in ihr steckst und dann kommst du nach Hause und fasst mich an.“
Sie starrten einander an.
„Du ekelst mich an.“
Sie wandte sich ab.
„Ich habe echt nie gedacht, dass uns das passiert. Dass mir das passiert. Wenn mich einer gefragt hätte, ich hätte geschworen, nein, mein Mann nicht, der macht sowas nicht.“
Sie schob ihre Hände in die Hosentaschen, den Blick immer noch nach draußen gerichtet.
„Und dann stelle ich fest, du bist genauso gewöhnlich wie die anderen, denen eine Frau nicht genügt. Die rumheulen, weil sie mal bisschen weniger Aufmerksamkeit kriegen. Die erfolgreich sind und das auch bleiben wollen und dann ein Problem damit haben, dass ihre Frauen auch nicht nur in der Küche stehen wollen.“
Sie drehte sich zu ihm, ihre Stimme hob sich.
„Ihr wollt immer alles. Ihr wollt, dass die Frauen toll aussehen, scharf im Bett sind, immer zu euren Diensten natürlich und möglichst mit großen Titten, sie soll erfolgreich sein im Job, ihr wollt Kinder zum Vorzeigen, die natürlich von den Müttern erzogen sind, Frauen, die ihren Haushalt mit links schmeißen und abends dann auch ein offenes Ohr für eure kleinen und größeren Problemchen haben, euch raten, beraten, zuhören – eben da sind! Ihr wollt das alles und es interessiert euch einen Scheiß, was die Frau will und was sie aufwenden muss, damit sie auch eben nicht nur in dieser blöden Küche steht und darauf wartet, dass der Mann nach Hause kommt und man zweimal im Jahr in den Urlaub fährt!“
„Susann, du weißt, dass das so nicht ist! Ich wollte nie, dass du nur zu Hause bleibst und dich um Haushalt und Kind kümmerst! Hab ich mich denn nicht auch immer mitgekümmert? Hab ich denn nicht genauso in der Küche gestanden oder mich um Luis gekümmert, weil du abends aus dem Büro nicht rauskamst oder lernen musstest? Hab ich mich dann jemals darüber beschwert? Du wolltest sogar mal eine Putzfrau engagieren und ich sagte dir, das brauchen wir nicht, das können wir auch beide alleine? Habe ich dich jemals mit sowas alleine gelassen? Für mich war in Ordnung, dass du das Studium beginnst, damit hatte ich doch gar kein Problem! Ich wusste nur nicht, dass es am Ende so sein würde, dass wir beide gar nichts mehr voneinander haben. Dass jeder nur noch seins macht.“
„Und das reicht dann aus, dass du eine andere Frau fickst?“ schrie sie ihn an. „Anstatt vielleicht einfach mal mit mir zu reden?“
„Das habe ich doch! Wie oft habe ich dich gebeten, lass uns reden, wir verlieren uns, sei ehrlich. Meistens wolltest du nicht, weil du zu müde warst oder keine Lust hattest.“
„Ah okay! So einfach geht’s, na vielen Dank! Dann bin ich jetzt schuld, dass wir uns auseinandergelebt haben, dass wir nicht geredet haben und du dein Büromäuschen vögeln musstest, du armer bedauernswerter Mann!“
„Mama?“ Luis stand in der Tür. „Ich habe ein Bild für euch gemalt.“
Mama und Papa, in der Mitte das Kind, das beide an den Händen halten. Über ihnen dicke graue Wolken und trotzdem eine schiefe, große strahlende Sonne.
„Ich komm gleich, mein Schatz“, sagte Susann zu dem Jungen und zu Simon gewandt sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete: „Es ist besser, du gehst jetzt.“

Wie lang ist lange?

An manchen Tagen überkommt sie urplötzlich der Appetit. Zum Beispiel auf frisch gebackenes, noch warmes Brot, in das sie manchmal noch auf der Straße hineinbeißt, weil sie es nicht erwarten kann, nach Hause zu kommen und lediglich Butter draufzuschmieren.
Oder auf ein Stück frischen Streuselkuchen, am liebsten hell und nicht so kross gebacken, und vor allem mit ganz vielen Butterstreuseln: Oft beißt sie ringsrum den Rand zuerst ab, damit die kostbare Mitte übrigbleibt, die sie doppelt genießt.
Oder auf einen Becher Kaffee vom Bäcker gegenüber, der den besten Coffee to go der Stadt macht; jedenfalls ist es der beste, den Pippa kennt. Und statt sich selbst einen zuzubereiten, hüllt sie sich in ihren Mantel und vergisst auch den Schal nicht, seit sie festgestellt hat, wie schnell sie sich neuerdings erkältet. Dann läuft sie hinüber zum Bäcker, zu den blutjungen Aushilfen, die sie freundlich anlächeln, weil sie sie schon kennen. Die mit der schlechten Blondierung und dem abgeblätterten Nagellack hat Pippa am liebsten, weil sie sie an sich selbst erinnert. Damals.
Und manchmal, wenn sie dann zum Haus zurückgeht, dann sieht sie ihn. Wie er da auf der anderen Seite läuft, die Hände in den Manteltaschen, der Kragen hochgeschlagen, die Schultern leicht nach vorn geneigt und der Blick zumeist auf den Gehweg gerichtet.
Wie oft hat sie den Arm gehoben und wollte rufen: „Hey, da bist du ja, warte auf mich!“
Und meist sinkt ihr Arm wieder herunter, weil er sich entweder umdreht und sie erkennt: Das ist er nicht. Er hat nicht mal Ähnlichkeit mit ihm.
Oder weil ihr Verstand das Gefühl wieder eingeholt hat und sie weiß: Das kann er ja gar nicht sein.
An solchen Tagen geht sie wortlos nach Hause, stellt die Telefone aus, geht nicht an die Haustür und bleibt tagelang im Bett bzw. zappt sich durch sinnlose Programme und Sendungen, für die ihr die Geduld fehlt, sie anzuschauen, während sie im Schlafanzug auf dem Sofa lümmelt und sich nicht fragt, ob sie nicht mal wieder duschen sollte.
Ab wann hört es auf, dass das Vermissen so weh tut?
Sie lässt diese Tage vorbeiziehen in dem Bewusstsein, dass sie auch vorübergehen.
Dass sie am dritten, vierten Tag spätestens mindestens eine halbe Stunde duscht, sich zurechtmacht und vor die Tür geht, um einen Coffee to go zu holen. Mit Mandelaroma.

Des Fischers Frau

„Es ist, als hätte ich mein halbes Leben lang nach etwas gesucht“, sagt Pippa, während ihr Blick umherschweift, während sie die Menschen betrachtet, die am Café vorbeigehen, telefonieren, eine Zigarette rauchen, Kaugummi kauen. Menschen, die miteinander reden, aufeinander einreden, sich an den Händen halten oder nebenher laufen. Mütter, die ihre Kinder an der einen Hand zerren, in der anderen die Einkaufstüte tragen. Menschen, die von der Arbeit kommen oder in die Arbeit gehen. Fröhliche, traurige, verschlossene, offene Gesichter.
Jeder Mensch mit seiner eigenen Geschichte.
Früher, vor Jahren, fand sie es faszinierend, in die Geschichte eines anderen einzutauchen. Sie fand es spannend, Parallelen zu finden, wiederzuentdecken, bis sie eines Tages müde wurde ob der vielen Wiederholungen.
Pippa richtet ihren Blick auf Victoria.
„Ich wusste selber nicht mal, was das war. Wonach ich suchte. Es ist… so eine Art Ruhe in mir selbst, verstehst du? Dieses Gefühl… wie… Kennst du sie noch, diese Wackelfiguren, die mit dem Sand im Bauch? Du schubst sie hin und her, und sie pendeln und pendeln, aber sie finden immer wieder zu ihrer eigenen Mitte zurück. Ich glaube, nach diesem Gefühl habe ich gesucht.“
Pippa lehnt sich zurück, lehnt den Kopf an die Wand, der Blick ist nach draußen gerichtet, irgendwohin.
„Man kann es nicht bestellen, man kann es nicht erzwingen. Irgendwann ist es einfach da, oder man findet diesen Punkt in sich niemals. Ich glaube nicht, dass es irgendwas dazwischen gibt.“
Sie betrachtet ihre Schwester.
„Sag mir ganz ehrlich: Bist du wirklich richtig glücklich in deiner Ehe? Ich meine… so wirklich glücklich?“
„Pippa…“ Victoria lächelt, und Pippa spürt deren Unsicherheit.
„Sags doch einfach. Jeder Mensch hat seinen eigenen Traum vom Glück, deiner ist nicht meiner und muss es auch nicht. Aber sag mir, ob du wirklich richtig glücklich warst mit ihm. Und ob du es immer noch bist.“
„Ja. Ja, ich denke schon.“ Victoria zerpflückt mit den Fingern die Brezel. „Ich habe das Leben bekommen, das ich immer wollte. Ich habe gesunde Kinder, einen Mann, den ich liebe, und ich führte immer das Leben, wie ich es wollte.“
„Welches Leben? Was für eins?“
„Warum fragst du mich das? Worauf willst du hinaus?“
„Ich will einfach nur verstehen… ob man sich auch mit weniger im Leben zufrieden geben kann. Ob ich immer zuviel wollte vom Leben und nun gar nichts mehr hab. Ob es mir besser gegangen wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte. Ob ich dann nicht heute hier sitzen müsste, sondern wüsste, dass zu Hause jemand auf mich wartet, der von mir bekocht werden will, der sich vielleicht einen Film mit mir anschauen will.“
„Wenn du das so sagst, hab ich fast das Gefühl, als sei mein Leben, meine Ehe wertlos gegen dein Leben. Als bedeutete das alles gar nichts, nur weil es anders ist als bei dir.“
„Unsinn“, schüttelt Pippa energisch den Kopf, „was redest du denn? Ich will… es doch nur verstehen. Vielleicht will ich auch mich selbst verstehen. Vielleicht will ich mein Leben verstehen und mich nicht fragen, ob ich des Fischers Frau war. Die, die zuviel wollte und am Ende nichts hatte.“
Pippa schaut wieder zum Fenster hinaus, trinkt bedächtig einen Schluck von ihrem Tee.
„Du hast keine Schuld“, sagt Victoria schließlich. „Es war nicht deine Schuld.“
„Nein“, antwortet Pippa irgendwann, „wohl nicht.“ Sie lächelt und in ihren Augen stehen Tränen.

Was glaubst du denn, wieso ich muss?

„Ich bin noch nicht soweit“, sagt Pippa schließlich.
Sie steht vor dem Kleiderschrank, die Türen weit offen, sie sieht auf die Hemden, auf die sorgfältig zusammengelegten Hosen, auf die Krawatten in der Schublade, eine Schublade tiefer die Socken.
„Pippa, du musst“, mahnt Victoria.
Pippa wendet sich zu ihr um.
„Und wieso muss ich? Was glaubst du, wieso ich muss?“
„Weil es gut wäre für dich. Besser wäre für dich. Du wirst nicht jeden Tag daran erinnert, dass er nicht mehr da ist. Nicht jedesmal, wenn du den Schrank öffnest.“
Pippa starrt ihre Schwester regungslos an, prüfend und klar der Blick, dann lächelt sie unvermittelt.
„Vic, du hast so gar keine Ahnung.“
Sie wendet sich dem Schrank wieder zu, ohne dass sie irgendetwas tut oder überhaupt tun möchte.
Was weiß ihre Schwester schon davon, dass er überall ist.
Dass er jeden Morgen mit ihr erwacht und sie nur hinüberzublinzeln braucht, um ihn zu sehen. Die Hand nach ihm auszustrecken, so wie sie das nachts oft getan hat, nur um sich zu vergewissern, dass er da war, dass er bei ihr war und dass es nichts gab, wovor sie Angst haben musste. Die Hand auf seinen Bauch legen und wieder einschlafen mit dem wohligen Gefühl der Geborgenheit.
Dass er sie jeden Morgen ermahnt, wenn sie wieder zu lange duscht: „Ich werde eine Petition einreichen. An den Bundestag, weil meine Frau eine außergewöhnliche Belastung ist und das Finanzamt das nicht einsehen will.“
Dass er ihr das Frühstücksei kocht, weich, so wie sie es eigentlich mag, und meist doch viel zu weich, so dass sie dann beginnt zu lachen: „Ich wollte das Ei essen, nicht auspusten!“
Dass er abends Reportagen schaut, während sie liest oder schreibt, und ihr ab und ein einen Blick zuwirft, sie sich dann anlächeln und weitermachen mit dem, was sie gerade beschäftigt.
Es ist völlig egal, ob seine Kleider noch da sind oder nicht.
ER ist da.
Immer.
Und es tut jeden Morgen aufs Neue weh, wenn sie erwacht und ihn nicht neben sich liegen sieht.
Sie hat kein Ei mehr gekocht, seit er fort ist.
Bis in die Nacht hinein schaut sie Reportagen, Dokumentationen, irgendwelche Filmchen, weil sie Angst vor diesem Gefühl hat, abends mit dem intensiven Gefühl, er läge neben ihr, einzuschlafen, nur um morgens zu sehen, dass das Bett neben ihr leer blieb. Dass er einfach nicht da ist und auch nicht mehr wiederkommt.
„Du hast echt keine Ahnung“, wiederholt Pippa in den Schrank hinein, aber sie lächelt dabei und der Tonfall ist liebevoll. Und nachsichtig.

Große und kleine Lügen

„Ich wollte euch nur die Bücher zurückbringen.“
Pippa saß mit ihrer Mutter in der Küche, jede eine Tasse Kaffee vor sich, in die die Mutter hineinstarrte.
„Bevor der Vater noch ganz ausflippt deswegen“, fügte Pippa hinzu und schob die Bücher mit der flachen Hand über den Tisch. „Ich hab mir sowieso das meiste kopiert“, grinste sie dann und die Mutter lächelte.
Ihre Tochter. Pippa, die Aufmüpfige. Pippa, die schon als Kind ihren eigenen Kopf hatte und eben diesen Blick, gerade, fixierend, prüfend. Ein Blick, unter dem man sich unwohl fühlen und das Gefühl bekommen konnte, Maß genommen zu werden und nicht zu bestehen.
Eigensinnig wie ihre Großmutter war sie.
Wie oft hatte der Vater seiner Mutter vorgeworfen, sie benähme sich nicht ihrem Alter entsprechend, sie kleide sich nicht ihrem Alter entsprechend und dass es letztlich auch für ihn nicht gut war, wenn man über sie redete.
„Ich weiß gar nicht, was du von mir willst“, hatte seine Mutter vergnügt geantwortet, „ich habe fünfzig Jahre nur für euch gelebt und jetzt genieße ich die paar Jahre, die ich noch hab, auf meine Weise. Schlimm genug, dass ich erst so alt werden musste, um damit anzufangen, da muss man mir das Alter doch wenigstens nicht gleich ansehen.“
„Hast du denn nicht verstanden, dass es albern und nicht modern ist, wenn eine alte Frau sich auf jung trimmt?“
„Du, mein Junge“, hatte die Großmutter gelächelt, „hast nicht verstanden, dass ich mich nicht auf jung trimme, sondern dass ich es immer noch bin.“

Pippa hatte den Kopf in die Hände gestützt und hielt den Blick auf ihre Kaffeetasse gerichtet, während die Mutter erzählte.
Etwas Wehmut überkam sie, dass sie sich in den letzten Jahren einfach nicht genug Zeit für ihre Großmutter genommen hatte. Dass sie deren Leben eher „von außen“ betrachtet hatte, wie wenn man durch das Fenster in ein Wohnhaus schaut. Aber „mitgelebt“ hatte sie die letzten Jahre ihrer Großmutter nicht, und nun stieg dieses Gefühl in ihr auf, etwas sehr Wertvolles, Kostbares verpasst zu haben.
Irgendwann hob sie den Kopf.
„Was glaubst du, Mum, wäre passiert, wenn Großmutter mit dem richtigen Vater von Papa zusammengeblieben wäre? Also mal abgesehen vom Krieg, aber… Wie wäre ihr Leben dann verlaufen?“
„Das weiß man doch nicht, Kind. Das kann man nicht wissen. Wir kennen ihn ja auch nicht und wissen nichts von ihm. Wir wissen nicht mehr als dass er damals 19 war und wie er hieß. Und dass…“
„Ja?“
„Dass er nach dem Krieg noch mal da war.“
Beide Frauen schauten über den Tisch hinweg einander in die Augen. Die eine wissend, die andere verblüfft.
„Wie… Er war noch mal da?“
„Ja. Der Großvater hats uns mal erzählt, irgendwann. Er hat gemeint, der Franzose war nach dem Krieg noch mal da, stand einfach so vor der Tür und fragte nach deiner Großmutter.“
„Und dann?“
„Dein Urgroßvater hat ihn weggeschickt. Du kannst dir ja sicher denken, dass allen noch der Schrecken des Krieges in den Knochen steckte. So viel Grausames, so viele Toten hatten sie gesehen. Menschen, die mit ihren Zungen auf die Tischplatte genagelt wurden…“ die Mutter brach ab und sah zur Seite, sprach erst nach einer Weile weiter: „Grausam waren nicht nur die Deutschen, grausam waren auch die Russen. Nur darüber sprechen durfte man nicht. Damals nicht und später natürlich auch nicht. Aber so war es. Und die Menschen hatten Angst, einfach nur Angst. Man kann es deinem Urgroßvater nicht verdenken, dass er deinen Großvater wegschickte und ihm sagte, er möge einfach nur nach Hause in sein Land gehen und nie, nie wiederkommen, er würde sie sonst alle nur ins Unglück stürzen!“
„Was hat Großmutter dazu gesagt?“
Die Mutter legte beide Arme auf den Tisch und umfasste mit beiden Händen ihre Tasse.
„Nichts, Pippa.“
„Nichts? Wie – nichts?“
Die Mutter schaute sie an.
„Sie hat es nicht gewusst.“
Pippa lehnte sich zurück, beide Hände lagen flach und entspannt auf dem Tisch.
Die Mutter beugte sich ein wenig vor.
„Sie hat es nie erfahren.“
Es dauerte einen Moment, ehe Pippa begriff, was die Mutter ihr damit sagen wollte.

Leben zwischen den Stühlen

Susann wirkte müde, abgespannt, als er am Freitagabend erneut vor der Tür stand, um den Jungen abzuholen.
„Papa Papa!“ hing der Kleine ihm am Hals und für einen Moment schien es, als würde Susann lächeln. Diesen Moment, unvorbereitet und spontan, nutzte er: „Wann können wir beide mal reden?“
Sie schaute ihn an, ausdruckslos.
„Darüber, wie es weitergehen soll“, fügte er hinzu, während er Luis auf dem Arm hielt, der ihm in den Haaren wuselte.
„Kommst du jetzt wieder, Papa? Bleibst du jetzt wieder bei uns?“
Er starrte Susann an. Jetzt bloß nichts falsch machen.
„Vielleicht Sonntag, wenn ich Luis nach Hause bringe?“
Nach Hause.
Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren.
Für einen kurzen Moment dachte er an die Studenten-WG, an das fremde Badezimmer, das fremde Bett, die fremde Küche, wo nichts zu ihm gehörte und wo er sich nicht reinfinden konnte.
Er dachte an die Abende, die er mit Arbeit oder Trinken verbrachte. Sogar mit dem Joggen hatte er wieder begonnen, um keine Pausen entstehen zu lassen, in denen ihm die Decke auf den Kopf fiel und er ins Jammertal des eigenen Selbstmitleids abdriftete.
Er dachte an die Wochenenden, die er mit Luis in diesem Zimmer verbrachte, der Junge im Bett, er auf einer ausgedienten Luftmatratze.
Das war nicht sein Leben.
So ging das einfach nicht weiter.
Er wollte nach Hause.
„Ich weiß noch nicht“, antwortete Susann und verschränkte die Arme vor der Brust. Kein gutes Zeichen, das wusste er, er kannte sie lange genug.
Möglicherweise hatte Curt recht, wenn er sagte, er dürfe nicht zuviel Zeit vergehen lassen: „Nicht dass Susann sich noch ans Alleinsein gewöhnt und dann darfste nur noch  den Bittsteller machen und vor allem zahlen.“
Er kannte seine Frau aber auch gut genug, um zu wissen, dass sie unter Druck zumeist völlig anders reagierte als er es haben wollte. Er brauchte Fingerspitzengefühl und er wusste selbst, dass ihm das abging. Er wusste auch, dass diese passive Rolle, in die er sich selbst gebracht hatte, nicht seine Rolle war. Er war der Macher, der, der voranging und vorantrieb, der sich um alles kümmerte und alles erledigte, der die Richtung bestimmte. All das hatte sich völlig gekehrt und die anfängliche Starre des Schuldgefühls löste sich auf, wich mehr und mehr der Ungeduld, dieses Leben zwischen den Stühlen beenden zu wollen. Und zwar sobald als möglich.
„Es wär schön, wenn du Sonntag ein paar Minuten Zeit hast. Ich kann Luis ja auch ein bisschen eher zurückbringen, nur falls… du den Sonntagabend noch was anderes vorhast.“
Hoffentlich nicht wieder mit diesem Daniel, dachte er. Er hatte Luis abgesetzt, an die Hand genommen und griff nun nach dem Rucksack.
„Bis Sonntag dann.“
Susann nickte und schloss die Tür.

Der tägliche K(r)ampf

„Wenn du willst, kannst du erst mal das Zimmer von Sebastian haben. Ist ne Studenten-WG, ich weiß nicht, ob das wirklich was für dich ist, aber zumindest hättet ihr Ruhe und Zeit, über alles nachzudenken und ne Lösung zu finden.“
Curt, der Pragmatische.
„Ja, ist wohl erst mal besser als nichts. Und Sebastian? Wo bleibt der?“
„Der zieht erst mal zu seiner Freundin. Können die gleich mal testen, obs funktioniert mit dem Zusammenleben.“
Simon schwieg.
„Du kannst ja auch ne Wohnung anmieten, aber…“
„Nee lass mal. Ich muss Susann davon überzeugen, dass sie und Luis das Wichtigste für mich sind.“
Simon lehnte sich im Polster zurück, drehte das Glas Bier zwischen den Händen.
„Und diese… wie hieß die noch… Melanie? Was ist denn nun mit der?“
„Nichts. Also da läuft  nichts mehr, falls du das meinst. Das war schon vorbei, bevor Susann alles rausgekriegt hat. Scheiß Handy. Scheiß sms. Alles Kacke.“
„Bei euch im Laden weiß keiner davon?“
„Glaub nicht. Ach keine Ahnung, was weiß ich. Ist mir auch egal, ob die sich jetzt das Maul zerreißen, getratscht wird immer, weißt ja. Je größer der Laden, desto gelangweilter die Leute.“
„Wann hastn eigentlich das letzte Mal was gegessen?“ fragte Curt unvermittelt und noch, bevor Simon antwortete, schlug er die Hände auf die Oberschenkel: „Los, lass uns in das Lokal hier um die Ecke. Ich hab echt Kohldampf und du siehst auch so aus, als könnteste was vertragen.“
Die letzten Tage waren angefüllt mit Arbeit, wenig Schlaf, wenig Essen, viel Zigaretten, Bier und Wein. Dass er in diesen Tagen von zu Hause aus arbeitete, erwies sich als Vorteil dahingehend, dass keine Energie für Rasieren und Hemdenbügeln aufgebracht werden musste.
Ein bisschen kaltes Wasser durch die Haare, ein frischer Pulli zu den Jeans, das wars.
Tags darauf packte er ein paar Sachen zusammen und zog in Seb’s Studentenzimmer ein. Keiner sagte etwas, keiner fragte etwas. Er war eben der Neue, der für eine zunächst unbestimmte Zeit blieb.
Er war der Neue, der nur das Nötigste sprach, tagsüber in die Firma ging und sich ansonsten abends zurückzog, bis in die Nacht rein am Laptop arbeitete und Susann jede Woche einen Strauß Rosen schicken ließ.
Nicht die beste und nicht die originellste Art, das wusste er selbst, aber eine andere Idee hatte er nicht und zumindest zeigte er ihr auf diese Weise, dass er an sie dachte und Woche für Woche um Verzeihung bat. Oder wenigstens darum, dass sie überhaupt erst mal wieder mit ihm sprach.
Melanie ging er aus dem Weg, er übersah ihre stumme Aufforderung, doch mit ihr zu reden. Alles noch mal auf Anfang mit Susann, das war es, was er wollte. Sie und Luis. Für Melanie war da kein Platz, und genau genommen hatte es auch nie einen Platz für sie gegeben.
„Du bist so ein verdammtes Arschloch“, begegnete er sich in stummer Zwiesprache im Spiegel, als er das Gesicht mit kaltem Wasser abgespült und die Hände auf das Waschbecken aufgestützt hatte.
Jeden Freitagnachmittag verließ er pünktlich die Firma, um Luis bei Susann abzuholen. Wann immer er da gewesen war, um den Jungen zu sich zu holen, stellte Susann ihm lediglich den Rucksack, den Kuschelhasen und den Jungen an die Tür, mehr als „Hallo“ und „Bis Sonntag vierzehn Uhr, seid pünktlich“ sprach sie mit ihm nicht und ließ auch jeden seiner Versuche, ein paar mehr Worte mit ihr zu wechseln, an der Haustür abprallen.
Er fühlte sich nicht wohl in der WG, er mochte es nicht, sich das Klo mit fremden Leuten zu teilen und fühlte sich auch zu alt für diese Art des Zusammenlebens. Natürlich vermisste er sein Zuhause, er vermisste Susann und die Abende, an denen er auf der Terrasse stand und eine rauchte, während Susann über ihren Büchern saß und hin und wieder am Glas Wein nippte, das er ihr eingeschenkt hatte.
Er vermisste es, etwas für sie zu kochen, ihr Badewasser einzulassen.
Dinge, die ihn früher nervten, fehlten ihm, so dass er sich fragte, wie es kommen konnte, dass er sich zu sehr zurückgesetzt, zu missachtet gefühlt hatte und auch noch glaubte, dieses Defizit im Bett einer anderen Frau kompensieren zu können. Er fragte sich, wieso er, der Kopfbestimmte, nicht hatte hinnehmen können, dass die Zeit eben so war wie sie war und dass spätestens mit ihrem Abschluss alles wieder wie früher hätte sein können.
Gelegentlich fragte er sich auch, ob tatsächlich alles wieder so geworden wäre wie es mal war – oder ob die Zeit sie alle beide derart verändert hätte, dass man sich auch anschließend fremd geblieben wäre. Doch darüber nachzudenken blieb reine Spekulation, niemand kann die Zukunft vorhersehen.
Aber er hätte es abwarten können. Man hätte immer noch schauen können, wie man miteinander umging, wenn diese Zeit gekommen  wäre.
Zuviel hätte, wenn und wäre. Eben dieses Leben im Konjunktiv, das es nicht gibt.
Man lebt und man trifft Entscheidungen – oder man trifft keine und lässt es laufen.
Am Ende gibt es trotzdem immer ein Ergebnis.
Es war eben nur nicht das, wie er sich das vorgestellt hatte, und sein aktuelles Leben blieb der Krampf, nicht zu wissen, was er tun konnte, außer eben erst mal… weiterzumachen.

Wer wir sind

„Meine Mutter hat sich rumgetrieben, man kanns doch genauso sagen wie es auch war!“
Pippa merkte ihrem Vater an, wie unwillig der Vater war, wie wenig er an diesem Thema rühren wollte und vor allem, wie wütend er auf seine Frau war, dass sie ihrer Tochter die Tagebücher zu lesen gegeben hatte.
„Warum schickst du die nicht gleich an die Tageszeitung?“ hatte er getobt.
„Und wenn sie sich wirklich geliebt haben?“ wandte Pippa ein.
Der Vater bedachte sie mit einem Blick, als wolle er sagen „Kein Wunder, dass grad du das sagst, ihr seid alle gleich!“
„Du bist genauso blöd wie deine Mutter. Ihr Weiber seid doch alle gleich, ihr mit eurem Romantik-Rosen-Quatsch. Es war Krieg, begreift ihr das nicht? Krieg! Da gings nicht um Liebe, da gings nur ums Überleben und dass man überhaupt was zu fressen hatte!“
Pippa wurde einmal mehr bewusst, warum sie so selten zu Hause war. So belesen, informiert und gewandt der Vater auch sein mochte; wenn ihm etwas gegen den Strich ging, vergaß er jegliche gute Kinderstube und ließ jede respektvolle Ausdrucksweise vermissen.
„Hast du ihre Tagebücher eigentlich selbst mal gelesen?“ fragte sie ruhig.
„Hätte ich gewusst, dass die noch da sind, ich hätte sie verfeuert!“
Pippa schwieg. Sie war nicht sicher, was ihren Vater am meisten quälte: die Tatsache, dass er möglicherweise irgendwo versteckt auf einem Heuboden gezeugt wurde, von einem Mann, der sich vermutlich mit jeder Deutschen eingelassen hatte, die den Rock hoch genug für ihn hob – oder die Tatsache, dass er seinen wirklichen Vater nie kennen gelernt hatte.
Die ewig quälende Frage „Wer bin ich wirklich und woher komm ich?“
„Ich hatte einen Vater und das war dein Großvater“, sagte der Vater barsch, „und von dir will ich die Bücher zurück, damit ich sie eigenhändig entsorgen kann.“
„Gibt es denn noch irgendwen, der etwas über diese Geschichte weiß?“ fragte Pippa unbeirrt. Sie schaute ihrem Vater gerade in die Augen, unerschrocken, furchtlos vor seiner Raserei, während die Mutter stumm in ihrem Sessel saß und vermutlich bereute, die Bücher überhaupt je herausgegeben zu haben.
„Da gibt’s nichts weiter zu zusagen“, wehrte der Vater ab, „meine Mutter war leichtsinnig, hat sich dabei schwängern lassen und wenigstens genug Verstand besessen, einen Deutschen zu heiraten, den sie als meinen Vater ausgeben konnte.“
„Gibt es nicht mehr als seinen Namen?“
Pippa hielt den Atem an. Es musste doch irgendetwas geben, irgendeinen Anhaltspunkt. Mit nur dem Namen würde sie nichts anfangen können. Frankreich war viel zu groß, und sie hatte überhaupt keine Ahnung, wo man beginnen könnte zu suchen.
„Leider nicht“, warf ihre Mutter ein, „wir wissen nur, dass dein Vater wohl so aussah wie er, als er jung war. Und dass auch Victoria ihm wohl sehr ähnlich ist.“
„Meine Schwester?“ fragte Pippa verblüfft. Ihre angepasste, konservative Schwester? Fast war sie ein wenig enttäuscht: Sie hätte sich ihren Großvater eher… anders vorgestellt. Unangepasster. Wagemutiger. Zugleich musste sie ihrem Vater recht geben, dass sie beinah begann, diese Geschichte zu verklären. Vielleicht hatte er recht, und die Geschichte ihrer Großmutter war eine dieser unzähligen Kriegsgeschichten, die einfach nichts bedeuteten und nichts hinterließen außer den vielen vaterlosen Kindern…
Trotzdem lag sie in dieser Nacht lange wach und dachte aufgewühlt an das Gelesene. An das Erfahrene. Und irgendwie war sie sich sicher, dass da einfach mehr gewesen war. Dass da noch mehr war.

Es gibt kein Leben im Konjunktiv

„Mensch Junge, du machst Sachen.“
Simon hörte, wie Curt eine Flasche öffnete und daraus trank.
„Du und deine Assistentin… Das hätte ich ja auch mal nie gedacht. Wie kommt es, dass ich nichts davon gewusst hab? Dass ich nichts gemerkt hab?“
„Ist wohl nix, das man einfach so erzählt“, reagierte Simon müde und mechanisch. „Bin auch nicht stolz drauf.“
„Und Susann ist ausgezogen?“
„Nein. Sie ist nur paar Tage bei ihrem Freund.“
Er hörte Curt lachen. „Meine Fresse. Du die Assistentin, sie ihren Studi…“
„Lass den Scheiß, Curt, das kann ich jetzt grad nicht vertragen. Susann kommt am Wochenende wieder. Bis dahin soll ich raus sein.“
„Oha. Und? Ziehst du aus?“
„Erst mal schon“, antwortete Simon zögernd. „Ist vielleicht besser so, denkst du nicht?“
„Ja auf jeden Fall. Erst mal Ruhe in die Front bringen. Jetzt mit ihr zu reden, bringt gar nix, die hört dir eh nicht zu.“
Simon schwieg, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und über die Augen. Er war übermüdet, trunken vom Wein und die Ungewissheit darüber, was die Zukunft bringen würde, nagte schwer an ihm.
„Ich komm morgen mal rum“, gähnte Curt, „ich bin völlig im Arsch und brauch erst mal noch ne Mütze Schlaf. Du solltest auch erst mal pennen, heut Nacht reißen wir eh nix mehr.“
Als Simon am Morgen erwachte, lag er noch immer auf dem Sofa, noch immer im Anzug, der inzwischen völlig verknittert war. Zunächst überlegte er kurz, was er hier auf dem Sofa machte, und dann kam die Realität des vergangenen Tages mit ganzer Macht zurück.
Als er unter der Dusche stand und den Regler auf kalt drehte, da wünschte er, es wäre noch einmal gestern Morgen und er hätte dieses verdammte scheiß Handy nicht auf dem Tisch liegenlassen.
Bis gestern Morgen, so konnte er sich einreden, alles sei bis dahin in Ordnung gewesen. Zumindest so weit, dass seine Welt noch nicht aus den Fugen geraten war.
Und das alles nur wegen so ein bisschen Körperlichkeit. Sie hätten doch nur noch ein Jahr gebraucht, ein einziges verdammtes Jahr bis zu ihrem Abschluss. Dann hätte Susann wieder mehr Zeit gehabt, sie hätten füreinander mehr Zeit gehabt und alles wäre wieder wie früher geworden.
Hätte, wenn und wäre.
Es gibt kein Leben im Konjunktiv.
Und den Gedanken, dass man sich einfach auseinander entwickelt hatte, ließ er gar nicht erst zu.
Sie waren gescheitert, genau da, wo er es niemals haben wollte.
Er saß auf dem Badewannenrand, nackt, erbärmlich, frierend – und er heulte hemmungslos.

Ein Anker in der Not

Für diese Woche sagte er alle aufschiebbaren Termine ab, sortierte Unterlagen in seinem Büro und setzte seinen Client auf eine Woche Abwesenheit.
„Ich arbeite diese Woche von zu Hause aus“, meldete er in die Chefetage, „aus dringenden persönlichen Gründen.“
Auf dem Weg nach Hause rief er kurz bei Melanie an: „Susann weiß Bescheid. Sie hat deine sms gelesen.“
„Oh Gott. Simon, das tut mir leid, das wollte ich nicht“, reagierte sie bestürzt.
„Ist nun passiert, lässt sich nicht mehr ändern. Diese Woche bin ich nicht im Büro, wer nach mir fragt, den vertröste auf nächste Woche.“
„Simon… Was bedeutet das für uns?“
„Nichts. Gar nichts. Ich muss ausziehen, Mel. Weißt du, wie schlimm das ist, wenn man nicht mehr nach Hause kommen darf?“
Auf diese Frage antwortete sie nicht. Nicht nur sie war erwachsen, er war es ebenso, und ihm waren mögliche Konsequenzen genauso klar. Jetzt heulen, klagen, jammern hielt sie für dumm und lächerlich, und wenigstens war sie klug genug, das jetzt nicht zu äußern.
„Was wirst du jetzt tun?“ fragte sie stattdessen.
„Ich habe keine Ahnung. Ein Zimmer suchen vielleicht, eine Wohnung. Ich werde auf jeden Fall um meine Ehe kämpfen.“
„Das heißt… für uns gibt es keine Chance? Egal, was passiert?“
„Nein. Egal, was passiert. Ich will nur meine Ehe retten.“
„Nur für deinen Sohn?“
„Du hast keine Kinder, du weißt nicht, wie das ist“, entgegnete er hart und ungerecht. „Und am Ende ist es nicht nur für Luis. Ich wollte immer eine intakte Familie, weil ich selber ein Scheidungskind war.“
„Und warum dann ich? Was wolltest du dann mit mir? Was bin ich für dich?“
„Ich will jetzt nicht diskutieren. Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt und dass du Termine ablehnst, die für diese Woche reinkommen. Offiziell habe ich mich krank gemeldet.“
„Lass mich wissen, wenn ich irgendwas für dich tun kann“, sagte sie und mit einem knappen „Ja danke“ legte er auf.
Als er nach Hause kam, standen Taschen im Flur, Spielzeug für Luis. Susann sah verweint und verquollen aus und so schräg das auch anmuten mochte – er schöpfte genau daraus Hoffnung. Hoffnung, dass auch Susann noch an der Ehe lag. Dass man sich halt ein wenig auseinander gelebt hatte, dass man Fehler gemacht hatte, aber dass eben auch nicht alles verloren war. Er baute auf ihre Gefühle für ihn und auf ihr Verantwortungsgefühl dem Sohn gegenüber.
„Ich bin diese Woche mit Luis bei Daniel“, informierte sie ihn, „und wenn ich wiederkomme, bist du weg.“
Er stellte die Tasche ab, legte die Schlüssel auf den Tisch.
„Susann, ich weiß, ich bin grad der letzte, mit dem du reden willst. Aber lass uns jetzt nicht so auseinandergehen. Ich weiß, ich habe dir weh getan, ich war dumm, ich war bescheuert, einfach blöd, aber ich will dich nicht verlieren. Dich nicht und Luis auch nicht.“
„Ja genau. Und deswegen vögelst du deine Büromaus.“
„Susann…“
„Sei einfach still. Wenn ich dir weiter zuhöre, muss ich noch kotzen.“
Und so ließ er sie zunächst weiter einpacken und gehen. Der Gedanke, sie jetzt bei diesem Daniel zu wissen, steckte wie ein Stachel in seinem Fleisch, aber er war auch nicht in der Position, etwas dagegen zu sagen oder zu tun.
Als sie fort war, legte er sein Telefon auf den Tisch und öffnete eine Flasche Wein. Er lockerte die Krawatte, das Hemd, ließ sich aufs Sofa fallen und starrte die Wand an. Einfach so. Die kahle weiße Wand. Das Gefühl, etwas tun zu müssen, und die Ohnmacht, aktuell nichts tun zu können. Dieser Kontrollverlust in dieser Situation, nur dasitzen und abwarten zu können, ließ ihn wieder aufspringen und im Zimmer auf und ab zu gehen.
Das Telefon klingelte ständig, jedesmal hoffte er auf einen Anruf von Susann und wusste zugleich, wie irrwitzig diese Hoffnung war.
Bis in die Nacht hinein schaute er fern, noch immer im Anzug, die Flasche Wein längst geleert, er hatte alle Zigaretten geraucht, die noch im Haus waren. Außer mit Melanie hatte er mit noch niemandem über all das gesprochen und nun überlegte er, wen er anrufen könnte. Seinen besten Freund? Irgendwie musste er einfach reden, einen klaren Gedanken fassen, einen klaren Kopf bekommen. Und so griff er zum Telefon.